Kino : Jasmin und Jade

Wie die Globalisierung Menschen ausbeutet: "China Blue" und "Traders’ Dreams"

Daniela Sannwald
China Blue
Szene aus "China Blue". -Foto: EYZ

Ein kleines Zettelchen nur, in der Hintertasche der neu gekauften Jeans. Doch es ist ein richtiger Brief, in englischer Sprache, und er kommt von der anderen Seite des Erdballs. Jasmin hat ihn geschrieben, das Mädchen, das der Hose in China den letzten Schliff gegeben hat vor der Containerreise übers Meer und heimlich die Botschaft in der Tasche versenkt. „Ich hoffe, du magst diese Hose“, schreibt Jasmin, „meine Freunde und ich haben sie für dich hergestellt.“

Das sanfte Kassiber mag die Globalisierung verklären, schön ist es doch. Verhindert wird solche Korrespondenz in der Regel durch Akkorddruck und Angst vor Kontrollen. Doch die 17-jährige Fadenabschneiderin Jasmin gibt es wirklich, und auch ihre Botschaften aus der Jeansfabrik sind echt. Jasmin arbeitet mit ihren Kolleginnen, die auch ihre Zimmergenossinnen sind, im Lifeng-Werk im südchinesischen Shashi. Armut hat die Bauerntochter in das zwei Tagesreisen entfernte Industriezentrum getrieben – und die Hoffnung, ihren Verwandten ein paar Yuan nach Hause schicken zu können.

Jasmin ist eine der Heldinnen von Michael X. Peleds Dokumentarfilm „China Blue“, der ihr und ihren Freundinnen Jade, Linping und Orchidee unter schwierigsten Drehbedingungen durch den Alltag folgt. Jasmins Tagebuch bildet den roten Faden der Erzählung. „Uns wird gesagt, wir könnten glücklich sein, diesen Job zu haben“, heißt es da – nur: Was, wenn die Familie weit fort ist und die Arbeit nie aufhören will? Zwanzigstundenschichten sind keine Ausnahme, wenn wieder einmal ein Liefertermin für Wal Mart eingehalten werden muss. Dann schlafen die Mädchen heimlich in den Jeansbergen, bis ein Aufpasser sie aufschreckt. Doch ganz wehrlos sind sie nicht: Als einmal monatelang gar kein Lohn gezahlt wird, kommt es zu einer kleinen Rebellion.

Das Lifeng-Werk ist eine moderne Fabrik, mit Fließwasser und Toiletten hat es auch Komfort, den die Mädchen von zu Hause nicht kennen. Und bei Nachtschichten einen Gratis-Mitternachtsimbiss, auf den Herr Lam sehr stolz ist. Eigentlich, meint der Direktor, der gern von Effizienz und Chancen redet, „nutzen die Arbeiterinnen doch mich aus“. Zum Ausgleich hat er im Treppenhaus des Wohntraktes Schilder aufhängen lassen: „Wer heute nicht hart arbeitet, ist morgen ohne Arbeit.“

Doch auch Lam steht unter Druck. Da ist die Konkurrenz nebenan, und da sind die Händler aus den USA, Australien und Europa, die mit ihren Preisen und Lieferfristen knallharte Grenzen setzen und auch noch bessere Arbeitsbedingungen einfordern. Hinter den Kulissen allerdings verhindern amerikanische und europäische Freihandelslobbyisten die Stärkung von Arbeiterrechten in China. Darüber ist – trotz des Rummels etwa um Kinderarbeit – in unseren Medien wenig zu erfahren.

„China Blue“ gelingen in der klugen Ausleuchtung eines überschaubaren Forschungsgegenstands erhellende Einsichten über die Mechanismen der Globalisierung, die man auch dem wohl ersten Film über das weltweit operierende Internetauktionsunternehmen Ebay gewünscht hätte. Doch vertändeln Marcus Vetter und Stefan Tolz in derzeit dokumentarfilmüblicher Globehopper-Manier ihr Thema, und so bleibt „Traders’ Dreams – Eine Reise in die Ebay-Welt“ein Puzzle aus skurrilen Geschichten auf pittoresken Schauplätzen.

Aber immerhin, zu einigen Zwischenstopps der Erkenntnis reicht es denn doch. Was passiert zum Beispiel, wenn das abgelegene nordmexikanische Mata Ortiz ans Festnetz angeschlossen wird? Dann legen sich die örtlichen Keramikkünstler nicht nur ein Telefon zu, sondern auch Internet, und schon sehen sie beim Dorftreffen vorm Computer mit eigenen Augen, wie die Vasen, die sie bisher einem US-Zwischenhändler zum Freundschaftspreis abgaben, bei Ebay zum Zehnfachen des Preises verhökert werden. Kommunikation schafft Einsichten – und was läge da für die Töpfer näher, als ihre Produkte künftig via Internet selber zu vermarkten, wie es Millionen weltweit bereits tun?

Die Welt der schönen neuen Online-Selbstständigkeit erforschen die beiden Dokumentarfilmer auch andernorts – etwa bei einem Schafzüchter auf der schottischen Isle of Skye, der mit Münzen und allerlei Antiquitäten unter die Ebay-Powerseller gegangen ist. Oder zu einer sächsischen Familie, die Präsentkörbe und sogar einen echten Fischmarktwagen in den virtuellen Markplatz einstellt. Doch das alles funktioniert keineswegs so glatt, wie es die Statements von Ebay-„Bildungsminister“ Jim Griffith oder deutschen Tutoren suggerieren, die vom freien Spiel von Angebot und Nachfrage schwärmen und am liebsten auch noch das Familienarchiv versilbern würden. Wohl aber funktioniert die Anpassung von Geist und Gefühl an die Mechanik der Vermarktung und die soziale Isolation in der virtuellen Tauschgemeinschaft vor dem Bildschirm. Schade, dass die Filmemacher hier nicht hartnäckiger nachgehakt haben.

„China Blue“ läuft im fsk am Oranienplatz; „Traders’ Dreams“ im fsk (OmU), Broadway und in den Hackeschen Höfen

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