Kino : Kalauer für Kabul

In Mike Nichols US-Außenpolitsatire "Der Krieg des Charlie Wilson" ist Politik Mauschelei und Mascara. Ständig wird etwas vertuscht.

Christiane Peitz
Julia Roberts
Die Bikini-Szene musste Mike Nichols seiner Darstellerin Julia Roberts erst abringen -Foto: Universal

Sollen wir Militär nach Afghanistan schicken? Das ist die Frage dieser Tage. Brauchen die Verstärkung – und welche? Ein TV- Reporter steht im Hindukusch und berichtet, dass die Kämpfe immer aussichtsloser werden. Der Kongressabgeordnete, der sich gerade mit ein paar Stripperinnen im Whirlpool amüsiert, horcht auf.

Moment mal, geht das überhaupt noch, Politiker sein und ein Lotterleben führen, in aller Öffentlichkeit? Natürlich nicht. Die Afghanistanfrage ist zwar hochaktuell, aber das Whirlpool-Ambiente recht antiquiert: Die Szene spielt in den achtziger Jahren. Wahr ist sie trotzdem. Der frühere US-Politiker Charlie Wilson lebt heute in Lufkin, Texas; in seiner aktiven Zeit war er ein Playboy und Draufgänger par excellence, der im Film unentwegt Whiskey trinkt und sich daneben benimmt, aber trotzdem im Ethik-Ausschuss saß und von seinem texanischen Wahlkreis elfmal in den Kongress gewählt wurde, von 1973 bis 1996.

Als Mitglied des Ausschusses für Geheimoperationen mischt Wilson als eiskalter Krieger bei der US-Außenpolitik mit und umgibt sich für seine knochentrockene Lobby-Arbeit mit ausnahmlos bildhübschen Sekretärinnen, die zwar überwiegend strohblond sind, aber kein bisschen doof. Sagt eine von ihnen auf die Reporterfrage zum Kokain-Skandal, den Rudolph Giuliani ihrem Chef anzuhängen versucht: Nein, ein Drogenentzug kommt für Charlie Wilson nicht in Frage, denn in der Klinik gibt es ja keinen Whiskey.

Konservative Liberale mit libertärer Lebensart: Solche Leute wurden damals nicht verteufelt. Coolness mit einem Extraschuss Testosteron: Tom Hanks spielt Wilson mit derart charmanter Hemdsärmeligkeit, dass es gar nicht anders sein kann: Seine gesamte Umgebung besteht aus Weltmeistern der Schlagfertigkeit.

Zum Beispiel Julia Roberts als wasserstoffblondes Gift von millionenschwerer Society-Lady und Philip Seymour Hoffman als sarkastischer, abgebrühter CIAMann und Experte für unmögliche Missionen, der gern Zen-Weisheiten von sich gibt, wenn er im CIA-Hauptquartier nicht gerade cholerisch Scheiben zerdeppert. Ein unglaubliches Trio: Gemeinsam beschaffen die drei Strippenzieher Mittel für den Kampf der Mudschahedin gegen die Russen. Dank Charlie Wilson steigt der Etat von fünf Millionen auf eine Milliarde Dollar, während die texanische Lady und der CIA-Haudegen für die Operation „Let’s kill some Russians“ israelische Waffenhändler mit arabischen Israelfeinden von Kairo bis Islamabad vernetzen.

Lange nicht mehr so wunderbar ätzende Dialoge gehört. Im Gefecht der Argumente fliegen die Fetzen in einem Tempo, dass man manche Pointe verpasst. Das Drehbuch (nach einem Buch von George Crile) stammt von „West Wing“-Autor Aaron Sorkin, der die hohe Kunst der US-Fernsehserienschreibe eins miterfand. Gemeinsam mit Sorkin reanimiert Regisseur Mike Nichols, der seit „Reifeprüfung“ auf unmoralische Affairen spezialisiert ist, die ausgestorbene Gattung der Screwball-Comedy. Nur dass er deren Regeln nicht auf den hitzigen Krieg der Geschlechter anwendet, sondern auf den Kalten Krieg – in dem es dann ziemlich heiß hergeht.

Politik ist Mauschelei und Mascara; ständig wird was vertuscht. Während die Männer in den Hinterzimmern von Washington um Mehrheiten dealen, biegt sich die Society-Lady nach ihrem Quickie mit Wilson die Wimpern mit einer offenen Sicherheitsnadel zurecht. Was für eine Schauspielerin: Julia Roberts traut sich, mit 40 eine geliftete Mittfünfzigerin zu spielen! Die Idee mit der Sicherheitsnadel stammt angeblich von ihr persönlich.

Amerika, das sich über seinen war against terror verständigt: Seit Robert Redfords „Von Löwen und Lämmern“ risikiert auch das Hollywood-Kino einen auf Konfrontationskurs gepolten Polittalk. Schade nur, dass bei aller Messerschärfe im Detail die politische Message diesmal so tumb ausfällt. Nichols’ Film dekonstruiert die Politik, um sie schließlich affirmativ abzunicken:Aufrüstung ist uneingeschränkt zu begrüßen. Was im Kalten Krieg recht war, ist uns heute noch billig. Und keine Spur von Unbehagen.

Was bleibt von diesem Film: Wilsons selbstkritische Schlussbemerkung, dass die Milliarde für den Krieg gegen die Russen nichts wert ist, wenn hinterher nicht mal eine Million Dollar für den Wiederaufbau Afghanistans übrig ist? Oder die effektvollen Bilder von den seligen Afghanen, die mit Stingerraketen russische Kampfhubschrauber abknallen? Dazu erklingt aus Händels „Messias“ der Jubelchor „And he shall purify“. In „Apocalypse Now“ verdeutlichte Wagners Walkürenritt das Perverse des Krieges. Mike Nichols feiert mit Händel das messianische Sendungsbewusstsein seiner Nation.

Ab Donnerstag in den Kinos

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