Kino : Kopf oder Zahl

Triumph der Coen-Brüder: "No Country for Old Men" ist der langsamste Thriller der Welt. Spannend ist er allemal, das fanden auch die Oscar-Juroren.

Jan Schulz-Ojala
Bardem
Anton Chigurh (Javier Bardem) tötet mit System. -Foto: Universal

Sie kommen beide zu spät, erst der Killer, dann der Sheriff. Der Wohnwagen in dem Trailerpark irgendwo in Texas ist von seinen Bewohnern Hals über Kopf aufgegeben worden. Der wortkarge Vietnamveteran und Antilopenjäger, Llewellyn Moss heißt er, hat seine Frau und die jüngste Wahnsinnszufallsbeute in Sicherheit gebracht – einen Koffer mit zweieinhalb Millionen Dollar.

Sie kommen zu spät in die leere Bude, das personifizierte Böse und das müde gewordene Auge des Gesetzes, und sie werden sich nie begegnen. Den nächsten Augenblick aber verbringen sie ganz ähnlich. Der Killer mit dem absonderlichen Namen Chigurh (Javier Bardem) nimmt eine Flasche Milch aus dem Kühlschrank und trinkt daraus. Sheriff Bell (Tommy Lee Jones) erkennt an der feuchten Außenseite der Milchflasche, dass er ausnahmsweise fast pünktlich war. Und setzt sich, wo eben noch Chigurh saß, auf das verschlissene Sofa. Und starrt, wie eben noch Chigurh, in das schlafende Auge des Fernsehers gegenüber, starrt in sein trübes, verzerrtes Spiegelbild.

Für solch großartige Augenblicke nehmen sich die Coen-Brüder, die Meister der Beiläufigkeit, immer wieder Zeit: halten eine Handlung sinnfällig an, die es ohnehin nicht eilig zu haben scheint und ihre Zuschauer doch in Bann schlägt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Zum ersten Mal wagen sich die Genre-Eklektizisten an eine Literaturverfilmung – Cormac McCarthys „No Country for Old Men“ (2003) – und überziehen ihr Material sogleich mit dem Coen-Groove. Sie erzählen einen Thriller (mit viel, viel Blut), einen sehr späten Western (mit Bösem und Guten und einem Weder-noch-Helden), eine Komödie (mit tumbem Sheriff-Assistenten). Und ein melancholisches Langgedicht von der unrettbaren Gier und Gewalt und Gemeinheit des Menschen: „No Country for Old Men“, der Oscar-Triumphator, ist ein Klassiker im Augenblick seiner Geburt, der beste Film der Coen- Brüder seit „Fargo“.

Zu spät, segensreich zu spät, kommt Moss (Josh Brolin) schon am Anfang: Die Schießerei im Wüstensand, super Ouvertürenstoff für allerlei Action-Regisseure, hat bereits stattgefunden. In der Wagenburg aus Pick-ups liegen tote Hunde, tote Männer und, auf einer Ladefläche, jede Menge Heroin. Den Koffer mit Geld, um den hier so erbittert gekämpft wurde, nimmt Moss mit gelassener Umsicht an sich. So wie er nachts mit einer Plastikflasche zum Schauplatz des Schreckens zurückkehrt – ein Schwerverwundeter, die einzige noch röchelnde Menschenseele, hatte ihn um Wasser gebeten. „Wenn ich nicht wiederkomme,“ sagt er zu seiner Frau, „sag Mama, ich liebe sie.“ – „Deine Mutter ist tot, Llewellyn.“ – „Dann sag ich’s ihr selber.“

Lakonisch, trocken, schlackenlos ist der Humor der Coens, und ebenso genau und konzentriert folgen einander die Stationen der Jagd, die nun beginnt. Unvermittelt wird Moss von anderen gestellt, die heftiges Interesse am Verbleib der Dollarmillionen hegen; garstige Leute werden auf noch garstigerer Leute Spuren gesetzt; und stets am Schluss, ewiger Zuspätkommer, findet sich der Sheriff ein, der den aus dem Polizeigewahrsam ausgebrochenen Chigurh fassen will. Dramatisch viel passiert, oberspannend jagen einander die nervenzerrend unausweichlichen Duelle, die Schießereien durch geschlossene Türen, die Verwundungen, die mit kaltblütiger Umsicht spontanversorgt werden. Und doch ist dieser Film der nüchternste, langsamste Thriller der Welt.

Das Tempo nehmen sie alle raus: Moss, der seine Beute mit Heimwerkerpräzision abschirmt, wobei ihm die Kamera wie mit kindlicher Neugier zusieht; der Sheriff, der sich beim Verhör scheinbar umständlich in Nebenwege verplaudert; und vor allem Chigurh, der sich mit dem Morden grausam viel Zeit lassen kann, weil ihm sowieso niemand entkommt. Javier Bardem, mit leicht ins Irre funkelndem Blick unter irrwitzig fülliger Halblangfrisur, muss nie die Stimme erheben; es ist die Angst der Opfer, die den Horror besorgt. Auch genügt es, dass er auf Strümpfen schleicht, Bolzenschussgerät und Pressluftflasche in der Hand; so werden die anderweitigen Hektiker ihren Standort nur noch besser verraten. Schalldämpferwelt: tonlos auch der Münzwurf, mit dem Chigurh bei Opfern niederer Kategorie über Tod und Leben entscheidet, Kopf oder Zahl.

Chigurh ist jener Typus des modernen Kapitalverbrechers, der das Morden um des Mordens willen betreibt. Am Anfang der Jagd nach dem Geldkoffer mag ein Auftrag gestanden haben, doch bald regiert der Blutrausch an sich. Der Sheriff kennt das: Der junge Mann, den er einst auf den elektrischen Stuhl brachte, tötete nicht aus Leidenschaft, sondern ausdrücklich aus Mordlust. Inzwischen ist der Sheriff selber alt – und resigniert. Präzise diagnostiziert er die amerikanische Krankheit namens Werteverfall und Gewaltexplosion, aber weiß keine Therapie. Wenn er einen Pick-up mit ungesicherter Ladung eilig verfolgt, gehorcht er einem verbrauchten Reflex; liegen aber Leichen unter der Plane, lässt er die Flüchtigen ziehen. Auch durch ihn wird die Gesetzlosigkeit zum Gesetz.

Dieser Pessimismus, ja, dieser Fatalismus, den das Werk Cormac McCarthys durchzieht, ist das Leitmotiv des fast musiklosen Films; in seinen stillsten Momenten beginnt er so unheimlich zu dröhnen, wie nur die Stille dröhnen kann. So virtuos die Coens ihre Geschichte auch in Zeit- und Raumsprüngen vorantreiben, die fatale Fehlsumme des Geschehens ziehen sie in aller Ruhe und ohne jedes Moralisieren. „Ich dachte immer, wenn ich alt bin, kommt Gott in mein Leben“, sagt der Sheriff einmal. „Aber er kam nicht.“ Unendlich trüb ist der Spiegel, in den dieser Mann zu blicken wagt, trüb auch der Spiegel, den dieser brillante Film seinem Publikum vorhält. Wie leicht er es uns macht, den Anblick auszuhalten.

Ab Donnerstag in den Kinos

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