Kino : Krieg der Worte

"Interview" ist ein 90 Minuten langer, bösartiger, hochintelligenter Wortkrieg - der letzte Film von Theo van Gogh.

Christina Tilmann

Nach fünf Minuten ist das Gespräch gegen die Wand gefahren: Arroganz trifft auf Allüre, Stolz auf Vorurteil. Alptraum für ein Interview: Sie kommt zwei Stunden zu spät, er ist nicht vorbereitet. Der abgehalfterte Politredakteur Pierre Peters findet es unter seiner Würde, ein Seifenopern-Sternchen zu interviewen. Und Katya spielt die ganze Macht ihrer Prominenz aus und demütigt den Journalisten vor dem Barpersonal. Ein Macho mit Berufsfrust, ein Star mit Minderwertigkeitskomplex: Verschiedener könnten die Kontrahenten nicht sein. Einander ebenbürtig sind sie trotzdem.

Soweit die Grundsituation, aus der sich in „Interview“ 90 Minuten lang ein bösartiger, hochintelligenter Wortkrieg entwickelt. Das Kammerspiel über Medien, Politik und Prominenz war der letzte Film des 2004 von einem muslimischen Fanatiker ermordeten holländischen Regisseurs Theo van Gogh: eine perfekt gebaute Screwball-Tragedy zweier ausgebuffter Medienprofis, ein raffiniertes Spiel mit Lüge und Schein. Der Einsatz: Glaubwürdigkeit. Und wahre Emotion.

Der Schauspieler und Regisseur Steve Buscemi hat „Interview“ 2007 als ersten von drei van-Gogh-Filmen für den amerikanischen Markt reinszeniert: als Hommage an den ermordeten Regisseur, und in der von diesem erfundenen „Drei-Kamera-Technik“. Die Anfangsszene allerdings hat er in die Öffentlichkeit verlegt: Statt in der bohemehaften Stadtwohnung in Amsterdam bahnt sich das Drama in der US-Version auf den Straßen von Tribeca an. Auch sonst dezente Aktualisierungen: Statt eines Tagebuchs gibt’s die E-Mail-Korrespondenz, statt Brustvergrößerung Brustverkleinerung. Auch das Loft ist um einiges eleganter. Doch der Kern ist unberührt geblieben: Das ewige Spiel um Macht und Unterdrückung, Verführung und Verfügbarkeit.

Sienna Miller ist als Katya ein echter Medienstar, mehr „Sex and the City“ als „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“: eine bildschöne Frau, die souverän mit ihrem Gegner spielt. Die emotionale Unbeständigkeit, die bei allem Zynismus spürbare Verunsicherung und Schwäche beider Partner, aus der das Original seine Kraft gezogen hatte, ist im Remake einer klaren Parteilichkeit gewichen. Von Anfang an ist klar, wer dieses Spiel gewinnen wird. Denn Steve Buscemi gibt den Pierre Peters nur als schmierigen Wicht, und dass er seiner Figur so wenig Format gibt, wirft kein gutes Licht auf seine Meinung vom amerikanischen Mediensystem. Da war van Gogh in seiner Perfidie viel komplexer. Christina Tilmann

Babylon Mitte, Filmkunst 66, fsk am Oranienplatz (OmU)

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