Kino: "Männerherzen" : Kerle von der Stange

Ab in die Achtziger? Mit "Männerherzen" kehrt die deutsche Beziehungskomödie ins schwarzgelbe Land zurück.

Jan Schulz-Ojala
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Schwitzen für die Mausis: Christian Ulmen (l) und Til Schweiger im Kinofilm "Männerherzen". -Foto: Warner

Also gut, Schwarz-Gelb. Aber bedeutet das zugleich die Rückkehr in jene Ära, als Helmut Kohl sechzehn unendlich lange Jahre regierte, überwiegend mit dem geschmeidig gewendeten Genscher an der Seite? Die einen sagen: Nicht doch, der gesellschaftliche und vor allem Rot-Grün geschuldete Fortschritt ist unumkehrbar. Die Pessimisten, die ihre Erwartungen freilich nur zu gern enttäuscht sehen, halten dagegen: Wartet ab, die bleierne Zeit, sie kommt erst noch.

Wenn die Gutelaunefabriken der Unterhaltungsindustrie als Seismograph taugen, dann liegen die Pessimisten vorn. Denn die deutsche Beziehungskomödie der Achtziger und frühen Neunziger ist auf leisen Sohlen auferstanden. Wenn die Verhältnisse ökonomisch rau und geistig lau werden, dann lässt sich das Volk gern im Kino den schweren Kopf waschen und fönen, Gehirnmassage inklusive. Auch wenn die Halbwertzeit solch programmierten Vergnügens immer kürzer werden mag: Wenigstens bis zum nächsten Problemgespräch beim Lieblingsitaliener sieht die graue Welt gleich viel rosiger aus.

Simon Verhoevens „Männerherzen“, der die kleinen Nöte eines hin und wieder im Fitnessstudio versammelten Herrenquintetts beobachtet, orientiert sich – in Dramaturgie, Figurenentwicklung und Besetzung – munter an den erfolgreichsten Vorbildern des Genres. Von „Männer“, Doris Dörries Klassiker des westdeutschen Schickimicki-Beziehungsfilms von 1985, holte Verhoeven, der nach eigenen Angaben sechs Jahre lang am Drehbuch schrieb, den jungen Werbemanager in festgeschnürten Liebesnöten. In Sönke Wortmanns „Der bewegte Mann“ (1994) gab Til Schweiger erstmals erfolgreich den irgendwie gewendeten Womanizer – einen Rollentypus, dem er 2007 unter eigener Regie in „Keinohrhasen“ ein finanziell ebenso durchschlagendes Denkmal setzte.

Und weiter: Marc Rothemunds Debüt „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ zeigte bereits 1998, wie man auch mit einer Handvoll komödiantischer Hauptakteure reüssiert, statt bloß das übliche Beziehungsdreieck aufzumalen. Auf Letzteres verließ sich unlängst wieder Leander Haußmann – aber immerhin war das Genre in „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ nun endgültig von München nach Berlin umgezogen.

Wie also funktioniert „Männerherzen“, diese erste Beziehungskomödie der Ära Merkel-Westerwelle? Als Cocktail aus allem, was das Genre seit Doris Dörrie, der Muntermacherin aus Kohl-Zeiten, bis zu Leander Haußmann hervorbrachte, dem Heiterkeitslieferanten der großen Koalition. „Männerherzen“ aber, und der Film zeigt dies mit schweißtreibendem Einsatz von der ersten Einstellung an, will unbedingt darüber hinaus. Schließlich zeichnen dafür die Münchner Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg verantwortlich, die vor vier Jahren mit ihrem Debüt „Das Leben der Anderen“ einen Welterfolg landeten. Seither hat das ehrgeizige Duo drei Kinofilme finanziert („Kein Bund fürs Leben“, „U-900“, „Räuber Kneißl“), ein rechter Hit war nicht dabei.

Alles und noch viel mehr: Für die Macher von „Männerherzen“ bedeutet das, Zuschauer jedweden Alters und sozialen Status auf das Sorgfältigste mit möglichen Identifikationsfiguren zu bedienen. Für einen Film, dessen erotisches Kraftzentrum eine Muckibude ist und dessen japsende und stöhnende Figuren sich überwiegend mit dem Erwerb von Mausis, Mühlen und Moneten beschäftigen, ist das schon eine Leistung. Simon Verhoeven aber, Sohn von Senta Berger und Michael Verhoeven, hat sich nach seinem gefloppten Regiedebüt „100 pro“ (2001) diesmal entschlossen, beziehungskomödiantisch aufs Ganze zu gehen. Nun müsste nur noch Schwarz-Gelb mitspielen und ordentlich an der Eskapismussehnsuchtsschraube drehen.

Drei Verlierer und zwei Gewinner, die genrebedingt reichlich Rollen tauschen und nach allerlei Verwicklungen neuen Beziehungsseligkeiten zustreben dürfen, führt Verhoeven eher lose zusammen. Dramaturgisch noch am wirkungsvollsten vernetzt ist Günther (Christian Ulmen): Seine via Internet angeschobenen Dates verlaufen katastrophal, aber mit der Verkäuferin Susanne (Nadja Uhl) scheint ihm womöglich Glück beschieden – wenn Susanne, deren Söhnchen ganz doll in die Kindergartenfreundin verliebt ist, nicht vollauf damit beschäftigt wäre, ihren Mann loszuwerden, den durchgedrehten U-Bahnfahrer Roland (Wotan Wilke Möhring). Schlaffi Günther macht derweil dem prekär verliebten Billigjobber Philipp (Maxim Mehmet) das Leben schwer, der seine zufallsgeschwängerte Freundin Nina (Jana Pallaske) mit dem Projekt eines „Bio-Burger“-Ladens beeindrucken will – wobei unerfindlich bleibt, warum Günther als „zweitjüngster Gewerbeaufsichtsbeamter Brandenburgs“ im Berliner Kiez herumkommandieren darf. Aber was stört das schon, wenn er später ausgerechnet im Krokodilbecken des Zoo-Aquariums vor Susanne männlichen Behauptungswillen beweist!

Den kleinen Spießern, Freaks und Prolls setzt „Männerherzen“ auf der sozialen Habenseite Niklas (Florian David Fitz) und Jerome (Til Schweiger) entgegen. Top-Werbemann Niklas zögert, sich mit Freundin Laura (Liane Forestieri) aus der Altbauwohnung Richtung Ehe und Eigenheim abzusetzen, obwohl ihm Dachgeschoss-Playboy und Musikproduzent Jerome mit rauschenden Parties das Drunterwohnen so schwer wie möglich macht. Andererseits fördert es die Kiezbindung durchaus, wenn man nachts im Bademantel beschwerdehalber bei Jerome klingelt – und ein paar Schritte weiter steht man quasi mitten in einem Russ-Meyer-Film!

Aber ja, alle Männer werden Brüder, und doch ermüdet das Bemühen, vom urbanen Penner bis zum Millionär alle Strubbelköpfe unter einen Hut zu bringen. Was einst den Charme des Genres ausmachte, seine pointierte Typen- und Situationskomik, gerät hier zur Materialschlacht, von der umständlichen Exposition bis zu verödenden Nebenhandlungssträngen, die dann umso torschlusspanischer ins allgemeine Tralala eingebunden werden. Lichtblick des Films ist ausgerechnet die einzige Figur, die solo bleibt: Justus von Dohnányi spielt einen schwulen, in komischer Würde alternden Schlagerstar – und seine köstlichen Mini-Auftritte erzählen mehr über das so selbstmitleidige wie pathetische Wesen des Mannes als alle anderen kraftmeierischen Arrangements zusammen.

So wäre „Männerherzen“ – man denke nur an den „Bewegten Mann“ und die seither massenfilmtaugliche Integration des schwulen Exoten – flugs in uralten Kohl-Zeiten angekommen. Nur dass hier auf die Hetero-Buhlschaften schon mal Schwangerschaften oder gar Alleinerziehende-Mama-Probleme folgen, die sich immerhin patchworkfamilienwertig auflösen lassen. In die Genre-Geschichte dürften diese Elemente als „Von-derLeyen-Effekt“ eingehen.

Und noch etwas: Die Münchner Beziehungskomödie ist mit „Männerherzen“ insofern in Berlin angekommen, als sich Berlin endlich wie München anfühlt. Ganz wie im richtigen Leben.

- Ab Donnerstag in 22 Berliner Kinos.

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