KIno: "Mein halbes Leben" : Wer bin ich – und wenn ja, wohin?

Studium abgebrochen, kein Job in Sicht, keine Freundin, kein Kind, kein Haus gebaut, kein Baum gepflanzt - der Dokumentarfilmer Marko Doringer hat aus seiner Lebenskrise Anfang Dreißig "Mein halbes Leben" gedreht.

Christina Tilmann
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Der mit der Helmkamera. Marko Doringer in seiner Kreuzberger Wohnung. -Foto: Movienet

So jung und schon am Ende. Müde, unendlich müde. Die ersten Anzeichen körperlichen Verfalls treten auf: Ein Backenzahn muss raus. Und noch immer kein Sinn des Lebens zu sehen: Studium abgebrochen, kein Job in Sicht, keine Freundin, kein Kind, kein Haus gebaut, kein Baum gepflanzt. Und zu Hause sitzen die Eltern, nölen und machen sich Sorgen: Was will sie nur, die Kindergeneration, wo will sie hin? „Bei euch ist das alles so ein großer Brei, was ihr da macht.“

Regisseur Marko Doringer, 1974 in Salzburg geboren, heute in BerlinKreuzberg lebend, hat aus seiner ersten großen Lebenssinnkrise Anfang Dreißig einen Selbstversuch gemacht, ein autobiografisches Filmprojekt. Hat sich beim Psychiater gefilmt, der auch keinen Rat weiß: „Du bist immer so negativ.“ Auch seine Eltern hat er filmen wollen, doch die wollten nicht, und hat die Schulfreunde besucht, um zu wissen: Haben die es besser gemacht, wo stehen sie heute?

Das soll’s jetzt gewesen sein, im Leben

Die Freunde stehen erst mal besser da als er: Katharina ist Modedesignerin, immer auf dem Sprung zwischen London und Paris, Martin ist Sportreporter, hat seine eigene Zeitschrift gegründet und träumt vom ersten Roman, Tom ist Manager in Sofia, fährt dicke Autos und jettet am Wochenende zurück nach Österreich, aufs Land, zu Frau und Kind. Und doch kämpfen sie alle mit den gleichen Problemen. Das soll’s jetzt gewesen sein, im Leben. Was kommt denn dann?

Ja, die Generation Kreativ, sie hat es schwer. Hatte es zu leicht. War immer alles möglich, und doch nichts von Dauer. Erfolg schön und gut, doch wo die feste Bindung fehlt, fehlt auch die Sicherheit des Lebenswegs. Und da ist es auch keine Hilfe, wenn die elterliche Seniorengeneration vereint am Kaffeetisch sitzt und Ratschläge gibt wie: „Du könntest doch in die Pflege gehen, da gibt es immer Jobs. Und das Filmen machst du dann als Hobby weiter.“ Und notfalls wäre ja auch über der Garage noch eine Wohnung frei, für den Herrn Sohn.

„Ich fühle mich wieder jung“

Es ist eine leichthändige Studie geworden, dieser Spiegelblick auf die Mitte des Lebens, das sich anfühlt, als wär’s schon das Ende. Und dass darunter noch ein moralischer Subtext steckt – als Dokumentarfilmer klaue ich mir sonst mit der Kamera das Lebensmaterial anderer Menschen, jetzt nehme ich stattdessen mal mein eigenes –, macht das Ergebnis noch wertvoller. Andres Veiel, der bei dem Projekt Pate stand, hat gut beraten. Und Marko Doringer hat aus seinem persönlichen Dilemma eine durchaus allgemeingültige Diagnose destilliert.

Trost allerdings gibt es kaum: Man kann dieser Generation locker noch zehn Jahre hinzufügen, die Situation wird sich nicht wesentlich ändern, auch nicht mit vierzig. Am Ende des Films hat Marko immerhin eine neue Freundin, denkt sogar übers Kinderkriegen nach, und die Welt sieht plötzlich wieder viel heller aus: „Ich fühle mich wieder jung.“ Alles nur ein Beziehungsproblem? Der nächste Zahnschmerz kommt bestimmt.

- Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Moviemento, Yorck

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