Kino: "Oben" : Carl hebt ab

Zum Glück ist "Oben" in 3D - denn hinter dunklen Brillengläsern lassen sich nasse Augen besser verbergen. Aber der Animationsfilm ist nicht nur anrührend, sondern auch verspielt, verrückt und obendrein noch lebensklug.

Sebastian Handke
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In der Luft. Und dann befindet sich auch noch ein Blindpassagier an Bord - Carl ist nicht begeistert. -Foto: Pixar/Disney

Ein Leben ist lang, und doch geht alles so schnell. Ein Sparschwein wird eingerichtet für die Erfüllung des einen, großen Lebenstraums. Aber dann hat man eine Autopanne. Später einen Unfall. Dann muss das Dach neu gedeckt werden. Dann braucht man einen neuen Anzug. Und plötzlich ist man alt geworden. Große Träume platzen nicht. Sie vergehen.

Wenige Minuten nur nimmt sich „Oben“ für die Lebensgeschichte von Carl Fredricksen. Es ist nicht mehr als eine Ouvertüre, und doch fühlt man sich wie nach einem ganzen Film. Wieder ist da diese für Pixar so typische, am Stummfilm geschulte Ökonomie der Mittel: die perfekte Dosierung, das Tempo, der Rhythmus, die schlichte Sentimentalität. Zum Glück ist alles in 3D. Hinter dunklen Brillengläsern lassen sich nasse Augen gut verbergen.

Tausende Ballons pumpt Carl auf und hebt ab - mit dem Haus

Als kleiner Junge schon traf Carl seine Ellie: Abenteuerlustig, aber weniger schüchtern als er, legt sie ein Fotoalbum an für spätere Expeditionen: „Stuff I’m going to do“. Ihr Traum: ein Haus an den Paradise Falls in Südamerika. Siebzig Jahre später sitzt der pensionierte Ballonverkäufer allein im gemeinsamen Haus. Ellie ist nicht mehr da, in Südamerika sind sie nie gewesen. Doch als das Haus abgerissen werden soll, fasst Carl sich ein Herz. Tausende Ballons pumpt er auf und hebt ab. Mit dem Haus. Und einem achtjährigen blinden Passagier. Das Ziel: Paradise Falls.

Nach „Wall-E“ und „Ratatouille“ ist Pixar zum dritten Mal das gleiche Kunststück gelungen: ein Film, der tief schürft, aber dabei leicht wirkt, heiter und schlicht. Es ist schon erstaunlich: Da setzen sich Pete Docter („Monsters, Inc.“) und Bob Peterson („Finding Nemo“) hin, entwerfen gemeinsam eine Geschichte über Einsamkeit und über den Wert eines gelebten Lebens – und dann kommt so etwas herrlich Verspieltes dabei heraus wie dieser Film. Und wieder ist daran die Musik von Michael Giacchino („Ratatouille“) ganz wesentlich beteiligt: diese niedliche Melodie, vorgetragen erst von klimperndem Klavier oder gestopfter Trompete, wächst später, wenn geflogen wird, zum hinreißend schwungvollen Orchester-Walzer.

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Foto: Pixar/Disney


Wie kein Pixar-Film bislang erinnert „Oben“ an die Filme von Hayao Miyazaki, dem japanischen Großmeister der Animation und Vorbild von Pixar-Gründer John Lasseter. Die Geschichte folgt nur zum Teil einer festgezurrten Dramaturgie und nimmt etliche kleine und willkürliche Wendungen. Carl muss die entscheidende Etappe seiner Reise zu Fuß hinter sich bringen, während das fliegende Haus, mit einem langen Tau an seiner Hüfte festgemacht, wie das Gewicht seiner Erinnerungen immer tiefer aus dem Himmel herabsinkt. Ein Pfadfinder, ein Vogel, ein Hund und ein verschollener Forscher gehen dem alten Nörgler dabei auf die Nerven. Spät im Film wird er Ellies Abenteuerbuch noch einmal in die Hand nehmen. „Stuff I’m going to do“ – die Seiten sind keineswegs leer geblieben. Carl begreift: Nichts wurde versäumt.

Die Kleinen freuen sich ebenso wie die Großen

Manches aus diesem Kontext wird an Kinderaugen vorbeigehen, anderes werden sie nicht verstehen. Bei Pixar aber weiß man: Wenn die Kleinen sich wundern und hinterher fragen können, macht es das Kinoerlebnis umso reicher. Selbstverständlich gibt es auch in „Oben“ mehr als genug, woran sich Kinder erfreuen können. Hunde zum Beispiel. Sie tragen einen Apparat um den Hals, der ihre Gedanken in Menschensprache übersetzt. Anfangs hat die Sprechgarnitur des Dobermanns „Alpha“ einen Schaden, seine Stimme klingt piepsig. Ein dankbarer Gag. Aber kann es sein, dass Pixar sich hier über die Konkurrenz lustig macht?

Denn die Filme anderer Studios, sei es Dreamworks („Kung Fu Panda“), BlueSky („Ice Age“) oder Sony („Jagdfieber“), begnügen sich meist mit einer Grundidee: Niedliche Tiere können sprechen und tun dabei lustige Dinge. Bei Pixar ließ man sich selten zu solcher Einfalt hinreißen. Zuletzt gab es einen Film über die Bedeutung von Kunst und Freundschaft mit einer Ratte in der Hauptrolle („Ratatouille“) und die weitgehend dialogfreie Liebesgeschichte eines Müllbeseitigungsroboters auf einer verwüsteten Erde („Wall-E“). Und jetzt geht also ein altes Haus in die Luft.

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Ein Nörgler auf Expedition. Rentner Carl Fredericksen (r.) unterwegs mit einem kleinen Pfadfinder. -Foto: Pixar/Disney

Nicht jeder ist damit glücklich. Einige Analysten an der Wallstreet zeigten sich vor dem Start von „Oben“ besorgt darüber, dass jeder neue Film von Pixar etwas weniger kommerziell daherkommt als der vorangehende. Zwar hat „Oben“ allein in den Vereinigten Staaten mehr als 290 Millionen Dollar eingespielt. Die Abwesenheit einer niedlichen Hauptfigur aber macht es schwer, mit Lizenzprodukten die Einnahmen weiter in die Höhe zu treiben. Seit drei Jahren gehört Pixar zum börsennotierten Disney-Konzern. Dort gehört es nun mal zum Geschäftsmodell, dass mit Lizenzen mehr Geld gemacht wird als an der Kinokasse.

Noch scheint Pixar sich nicht darum zu scheren, ob ihre Filme auch genug Spielzeug absetzen. Denn künstlerisch sind sie ein Triumph. Drei wundervolle Meisterwerke hat man mit „Ratatouille“, „Wall-E“ und „Up“ aufeinander folgen lassen: Filme, die auf allen Ebenen mit derselben Sorgfalt und Liebe zum Detail hergestellt sind, die technisch brillieren und dennoch Wagnisse eingehen, die unvorhersehbare Geschichten zu erzählen haben, in denen sich Slapstick und Herzenswärme mühelos mit großen Themen verbinden. Das ist nicht mehr nur Trickfilm. Das ist Filmkunst.

Geht mit "Oben" etwas Besonderes zu Ende?

Vor wenigen Tagen erhielten John Lasseter, Brad Bird, Pete Docter, Andrew Stanton und Lee Unkrich in Venedig den Goldenen Löwen für ihre künstlerische Lebensleistung. Eine verdiente Auszeichnung für diese Gruppe leidenschaftlicher Filmemacher, obwohl sie noch lange nicht das Alter ihres Helden Carl erreicht haben werden.

Der Preis könnte aber ungewollt auch eine Zäsur markieren: Ein guter Teil der bislang produzierten Langfilme ging aus einem legendär gewordenen Mittagessen einiger Gründungsmitglieder im Jahr 1994 hervor. Die Ideen von damals sind jetzt alle in Film verwandelt. Und in den kommenden Jahren gibt es mit „Toy Story 3“ und „Cars 2“ erstaunlich viel Bewährtes. Fast sieht es so aus, als ginge mit „Oben“ etwas Besonderes zu Ende. Hoffentlich nicht.


- Ab Donnerstag in 24 Berliner Kinos. OV im Cinestar Sony-Center

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