Kino : Pariser Mogul

Zum Tod des französischen Produzenten und Regisseurs Claude Berri.

Jan Schulz-Ojala
249918_0_0705d962.jpeg
Claude Berri.

Sein letzter Film als Regisseur im eigenen Haus, das muss man bei dem vor allem als Produzent berühmten Claude Berri betonen, ist nicht einmal zwei Jahre her und war auch in Deutschland ein großer Erfolg: „Zusammen ist man weniger allein“, die zuckersüße Geschichte um eine Pariser Putzfrau, die in einer leicht derangierten Herren-WG glücklich wird, beruhte auf einem Bestseller von Anna Gavalda. Wenn man als Produzent alles richtig macht – indem man etwa das zarte Bündnis mit einem harmoniebedürftigen Publikum durch Hauptdarstellerin Audrey Tautou besiegelt –, liegt man auch an der Kasse nicht verkehrt.

Claude Berri war als kreativer Ermöglicher erst eher Regisseur, dann eher Produzent, aber immer beides mit Leib und Seele – vom Gestaltungswillen und Riecher am ehesten mit Bernd Eichinger vergleichbar, der auch gern an literarischen Erfolgsstoffen schnuppert. Mit französischen wie internationalen Regisseuren schuf Berri ebenso großes wie breites Gefühlskino für die Massen, immer nach der bescheidenen und zugleich selbstbewussten Devise: „Ich bin kein Godard“.

Und so liest sich sein Vermächtnis wie das populäre Kontrastprogramm zur Nouvelle Vague, von prickelnden Teenie- Komödien à la „Die kleinen Französinnen“ (1976) bis zur gigantomanischen Zola-Verfilmung „Germinal“ (1993), von „Jean Florette“ und „Manons Rache“ (beide 1986) bis zum Résistance-Drama „Lucie Aubrac“ (1996). Zuletzt landete Claude Berri mit der Komödie „Willkommen bei den Sch’tis“ in Frankreich einen Millionencoup – der Film über einen Postdirektor, der nach Nordfrankreich versetzt wird, läuft auch hierzulande erfolgreich in den Kinos.

Zugleich war Berri unermüdlicher Produzentenpartner jener Regisseurskollegen, deren thematischem Ehrgeiz wie Publikumsdrang er sich wesensverwandt fühlte, etwa für Roman Polanski („Tess“), Volker Schlöndorff („Der Unhold“), Milos Forman („Valmont“) oder Costa-Gavras („Der Stellvertreter“).

Angefangen im Kinogeschäft hat der als Claude Langmann geborene jüdische Kürschnerssohn als Statist, weitergemacht hat er als Nebendarsteller (in Jacques Rivettes „Va savoir“ spielt er den Bibliothekar), und schon mit 28 holte er den Kurzfilm-Oscar mit „Le poulet“. In seinen ersten zehn Filmen habe er, meinte er einmal, „immer nur ich gesagt“, am nachdrücklichsten wohl in seinem autobiografisch gefärbten Spielfilmdebüt „Der alte Mann und das Kind“, in dem ein Antisemit im Zweiten Weltkrieg einem jüdischen Jungen hilft. Bereits für seinen Erstling gründete Claude Berri die „Renn Productions“, deren bis heute über 100 Titel, fast ausschließlich Kinofilme, das unterhaltungsbedürftige Herz wie den bildungsbedürftigen Kopf erfreuen. Avantgarde? Die hat dieser letzte große Mogul des französischen Kinos zeitlebens anderen überlassen – mit allem Respekt und einem Lächeln nebenbei. Am Montag ist Claude Berri im Alter von 74 Jahren in Paris an den Folgen einer Hirnblutung gestorben. Jan Schulz-Ojala

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben