Kino : Schieß! Mich! Tot!

Wim Wenders’ philosophischer Thriller "Palermo Shooting“ versucht ein authentisches Lebensgefühl zu ermitteln. Mehr als ein Ablichten des Freundeskreises um Regisseur Wenders ist es leider nicht geworden.

Christiane Peitz
Campino
Auf der Suche nach dem unschuldigen, authentischen Bild: Campino als Starfotograf Finn. -Foto: dpa

Ein Mann kann nicht schwimmen, ein Broker hütet Schafe, und der Tod ist todmüde. Wim Wenders, dafür mag man ihn, erzählt gern einfache Geschichten: Märchen vom Menschsein, von der Menschwerdung kriselnder Männer. Diesmal schickt er den Erfolgs-Fotografen Finn aus der Düsseldorfer Desig ner -Welt ins morbide Palermo, wo Finn aus seiner entfremdeten Existenz aussteigt, weil er den Tod trifft – und die Liebe in Gestalt der schönen Restauratorin Flavia. Den Midlife- Helden verkörpert der „Tote Hosen“ Sänger und Schauspiel-Dilettant Campino, während der Sensenmann von Wenders’ amerikanischem Freund Dennis Hopper dargestellt wird, mit Bleichgesicht und Glatze unter grauer Kapuze.

Einfache Geschichten sind schwer; das Schlichte kippt schnell ins Banale. Banal ist, wenn Campino nach der Handy-Ansa ge „23 Anrufe in Abwesenheit“ darüber sinniert, wann zuletzt er eigentlich anwesend war, und die Uhren in seinen Träumen zerfließen wie bei Dalí. Banal ist, wenn Finn das Starmodel Milla Jovovich schwanger und nackt fotografiert, die dann bemerkt, dass auch ihr Bauch nur ein production value sei. Banal ist, wenn der Tod Pfeile schießt (in Palermos Gassen wie auf dem Fresko „Trionfo della morte“, das Flavia restauriert), Finn Fotos schießt und all diese Shootings schlaumeierisch thematisiert werden, unter anderem von der Mafia-Fotografin Letizia Battaglia.

Wenders gründelt mal wieder und sucht, wie in „Lisbon Stories“ oder „Buena Vista Social Club“, die Unschuld der Bilder, das Wahre, Authentische. Dabei fährt er alles auf, was das Kino, diese Kunst der schönen Lüge, an Show und Fake zu bieten hat – ohne sich um den Widerspruch zu scheren. Campino ist ein lausiger Schauspieler, aber das macht es nicht wahrhaftiger, wenn er als eitler Poser der Melancholie alles Ungelenke vermeidet. Bloß keine Blößen! Palermo wiederum ist zwar nicht Düsseldorf, aber genauso arrangiert. Hier die dekadente Kunstszene, dort die pittoreske Altstadt. Selbst der rote Plastikfetzen auf dem Wochenmarkt gehorcht einer ausgeklügelten Farbdramaturgie. Gedreht wurde analog, bearbeitet wurde digital, Kamera (Franz Lustig), Montage (Peter Przygodda) und der Soundtrack mit Songs von Lou Reed, Nick Cave, Calexico, Portishead oder Will Oldham – alles hochvirtuos (und 17 Minuten kürzer als bei der Uraufführung in Cannes). Warum dann der Popanz des Authentischen? Es ist, als ob ein Dauerschwätzer das Schweigen predigt.

Die Dreharbeiten müssen Spaß gemacht haben, ein Workshop unter Freunden. Der Düsseldorfer Wenders dichtet dem Düsseldorfer Campino Autobiografisches an (Finn ertrinkt um ein Haar, so wie der vierjährige Wim beinah im Rhein ertrank), Andreas Gursky (Becher-Schu le! Hochburg der Fotokunst!) assistierte, Udo Samel spielt den Schäfer auf den Rheinwiesen, Milla Jovovich kennt Wenders aus seinem „Million Dollar Hotel“, auch die übrigen „Toten Hosen“ treten kurz auf, und Wenders-Freund Lou Reed erscheint als Geist aus der Jukebox. „Some Kinda Love“: Selbst als Liebeserklärung an die Popmusik taugt „Palermo Shooting“ nicht recht. Erst dröhnt Finn sich per Knopfhörer zu, um unplugged weiter dauerbeschallt zu werden. Wo bitte bleibt da der Ausstieg?

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