Kino : Schludern und staubsaugen

Wie Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff den Regie-Auftrag für "Die Päpstin" loswurde.

Jan Schulz-Ojala
Volker Schlöndorff
Volker Schlöndorff. -Foto: dpa

Eines immerhin ist sicher: Das Projekt, mittlerweile in seinem verflixten siebten Jahr, ernährt die beteiligten Anwälte prächtig, die wechselnden Produzenten hingegen weniger. Soeben hat "Die Päpstin" - die Verfilmung von Donna Cross' Bestseller-Schmöker um Johanna von Ingelheim, die im 9. Jahrhundert in Männerkleidern ein paar Monate lang den Papst gegeben haben soll - nach allerlei Wirrnissen definitiv ihren prominenten Regisseur verloren. Die Constantin Film AG kündigte nach über dreijähriger Vorbereitungsarbeit dem Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff am vergangenen Wochenende mit bedauerndem Hinweis auf das zerstörte Vertrauensverhältnis sowie darauf, dass Schaden für die Firma entstanden sei. Der Regisseur will den Schritt, wie er vorm Aufbruch zu den "neuen Ufern" eines mehrwöchigen USA-Aufenthalts mitteilte, nunmehr juristisch prüfen lassen.

Was war geschehen? Den unmittelbaren Trennungsanlass setzte Schlöndorff offenbar selber mit einem Artikel in der "Süddeutschen Zeitung", worin er künstlerische und finanzielle Vorbehalte gegen Werke geltend macht, die von vornherein als Kinofilm und TV-Mehrteiler geplant sind. Solche sogenannten Amphibienfilme waren einst "Das Boot" und zuletzt "Der Untergang"; demnächst werden Max Färberböcks "Anonyma" und Uli Edels "Der Baader-Meinhof-Komplex" an den zeitlich versetzten Doppelstart gehen. Auch das "Päpstin"-Projekt, das Schlöndorff in dem Zeitungsbeitrag freilich nicht erwähnt, war für solch eine Auswertung in beiden Medien von Anfang an vorgesehen. All diesen Titeln ist zudem gemeinsam, dass sie aus dem Hause Constantin stammen.

Schlöndorffs Hauptargument: Auch epische Kinospielfilme drängen darauf, knapp erzählt zu werden. Wenn man das Drehmaterial aber wegen der folgenden Fernsehfassung auf die doppelte Länge aufblasen müsse, dann sei man, weil das Budget sich ja keineswegs ebenfalls verdoppele, als Regisseur "zum Schludern gezwungen". Zudem wollten die Produzenten "wie Staubsauger" sowieso bloß "alle Töpfe leeren": Die Filmproduzenten schielten auf die höheren Lizenzerlöse von Mehrteilern, die Fernsehmacher dagegen wollten vor allem die ursprünglich fürs Kino gedachten Filmförder-Millionen abschöpfen.

In Sachen TV-Begehrlichkeiten kritisiert Schlöndorff eine Praxis, die auch abseits von Amphibienprojekten gang und gäbe ist - und musste sich prompt, in einer Replik Günter Rohrbachs, Weltfremdheit vorwerfen lassen. In seiner Entgegnung weist der schillernde Präsident der Deutschen Filmakademie, von seiner Vita her ein ausgewiesener Fernsehmann, aber auch Constantin-Aufsichtsrat und Produzent von Constantins "Anonyma", nicht nur darauf hin, dass viele Filmproduktionen heute ohne Mitwirkung des Fernsehens gar nicht denkbar wären; polemisch schiebt er nach, "die große Zeit des Kinos" sei ohnehin "offensichtlich vorbei". So habe sich das Fernsehen "wie selbstverständlich den Zugang zu Fördertöpfen gebahnt, die früher dem Kinofilm vorbehalten waren". Im Übrigen aber bleibe der Amphibienfilm die Ausnahme, schreibt Rohrbach - "im laufenden Jahr sind es vermutlich drei von hundert Filmen".

Verständlicher wird der öffentlich ausgetragene Krach vielleicht, wenn man sich zur Abwechslung die klassische französische Mahnung an Bahnübergängen vor Augen führt: "Achtung, ein Zug kann einen anderen verbergen". So spiegelt Schlöndorffs Verdacht, hier sollte Werken, die in ihrem künstlerischen Kern auf bloße TV-Mehrteiler heruntergedimmt würden, hehres Filmfördergeld zugeschustert werden, nicht nur das Unbehagen der Branche am wuchernden Zugriff des Fernsehens aufs Kino wider. Seine Philippika gegen eine schon bei der Planung zur ästhetischen Rücksichtnahme auf die Fernseh-Langfassung genötigte Regie könnte im Ergebnis zudem allen Beteiligten willkommen sein. Schlöndorff provoziert, Rohrbach liefert das wie stets kontroversenfreudige Crescendo - und in einem dritten Schritt schaffen sich Constantin wie Regisseur, unabhängig von der nach außen dargeboten beiderseitigen Überraschung, die ungeliebte Partnerschaft in einem ungeliebten Projekt vom Halse.

Denn klar in dem insgesamt schaumig anmutenden Wirbel ist allein, dass "Die Päpstin" seit Anbeginn vom Pech verfolgt ist. Erst stieg die Ufa Film- und Fernsehproduktion aus dem Projekt aus, worauf Schlöndorff in einem über mehrere Instanzen gehenden Prozess mit rund einem Viertel seines ursprünglichen Regiehonorars für den bereits geleisteten Aufwand entschädigt wurde. Dann sprang der für die Rolle des Papstes Sergius verpflichtete John Goodman vor wenigen Wochen kurzfristig ab, weshalb nunmehr die Constantin von dem Schauspieler drei Millionen Dollar Schadenersatz einzutreiben gedenkt. Zuletzt wurde der für Mai in Sofia geplante Drehstart zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben. Und nun? Die Constantin sucht frohgemut einen neuen Regisseur, Drehbeginn soll nächstes Jahr sein, heißt es. Immerhin: Die von Schlöndorff als Päpstin gecastete Franka Potente stand bis gestern offenbar noch zur Verfügung.

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