Kino : Unsere Liebe ist eine Insel

Ulla Wagners Film „Die Entdeckung der Currywurst“ nach der Novelle von Uwe Timm erinnert an gehobene TV-Kammerspiele. Zwei Liebende verstecken sich auf einem Dachboden, während es so scheint, als würde um sie herum die Welt untergehen.

Christian Schröder
Barbara Sukowa
Scharfe Wirtin. Barbara Sukowa bleibt verführerisch.Foto: Schwarzweiß Film

Die Trümmer türmen sich schon zu Bergen, aber sie schlendert einfach an ihnen vorbei. Für sie ist die Straße ein Laufsteg, auch noch im Frühjahr 1945. Bei jedem Schritt wiegt sie sich in den Hüften, ihre Füße stecken in hochhackigen Schuhen. Er trägt Armeestiefel, sein Gang ist müde und gebeugt. Auf den Schultern trägt er einen Seesack, in der Tasche hat er seinen Einberufungsbescheid aus dem Admiralsstab in den Endkampf. So begegnen die Kantinenwirtin Lena Brücker (Barbara Sukowa) und der Marinesoldat Hermann Bremer (Alexander Khuon) einander. Sie ist eine gestandene Frau von Ende 40, er – halb so alt – könnte ihr Sohn sein. Aber bei ihrem Aufeinandertreffen in der Warteschlange vor „Knopfs Lichtspielhalle“ passiert sofort etwas mit ihnen, es ist wie eine chemische Reaktion. Im zerbombten Hamburg kurz vor Kriegsende kann so eine Zufallsliebe lebensgefährlich sein.

„Sind Sie öfters hier?“, das ist seine erste Frage, eine Verlegenheitsfloskel, doch als dann ein Fliegeralarm den Film unterbricht, rücken sie im Luftschutzkeller ganz nah aneinander. Nachher nimmt sie ihn mit zu sich, in ihrer Dachkammerwohnung kocht sie falsche Krebssuppe für ihn, aus Resten gezaubert. Er, still und nachdenklich, will mit ihr darauf trinken, „dass es bald Frieden ist“, sie, übersprudelnd, „lieber aufs Leben“. Am nächsten Morgen, als er längst hätte aufbrechen müssen zu seiner Volkssturm-Einheit, bleibt er bei ihr. Auf den Straßen patrouillieren „Fliegende Standgerichte“, Deserteure werden erschossen oder gleich „aufgeknüpft“. Seine Fahnenflucht ist kein Akt des Widerstands, sie geschieht mehr aus erotischen Gründen.

Draußen mag die Welt untergehen, drinnen in dieser Dachschrägen-Behausung tun zwei Liebende einfach so, als seien sie die beiden allerersten oder allerletzten Menschen. Sie nehmen die Matratzen aus dem Ehebett und schieben sie auf dem Boden zusammen. „Es war eine Insel aus zusammengeschobenen Matratzen“, schreibt Uwe Timm in seiner Novelle. Hermann sagt mit maritimem Kennerblick: „Sieht aus wie ein Floß.“ Und Lena entgegnet: „Darauf lassen wir uns zum Kriegsende treiben.“

Ulla Wagners Film „Die Entdeckung der Currywurst“ hält sich eng an Timms Bestseller. Die Rahmenhandlung ist weggelassen, doch manche Dialoge sind wörtlich übernommen. Die Welt wird auch hier zur Insel, für Hermann ist die Wohnung aber auch ein Gefängnis. Sobald Lena ihn verlassen hat, kann jeder Blick aus dem Fenster, jeder Tritt auf den knarzenden Dielen ihn verraten. So steckt in dieser Parabel über die Kraft der Liebe auch eine Typologie menschlicher Verhaltensweisen.

Denn das Paar ist förmlich umstellt von Denunzianten und Mitläufern, Opportunisten und Opponenten des Regimes, alle Schattierungen des Untertanentums sind vertreten. Der Blockwart (Branko Samarovski) spielt sich als Mietskasernen-Despot auf und schnüffelt auf der Suche nach „dem Feind im eigenen Land“ überall herum. Dr. Fröhlich (Frank Wickermann), Lenas Chef beim Lebensmittelamt, schwadroniert vom „Endsieg“ und begrüßt wenige Wochen später, nun ohne Parteiabzeichen, die englischen Besatzer. Der Koch Holzinger (Wolfgang Böck), ein Wiener Faktotum, würzt sein Restegulasch mit antinazistischen Aperçus.

Den Krieg sieht man immer nur in kleinen Ausschnitten, ästhetisch erinnert „Die Entdeckung der Currywurst“ an gehobene TV-Kammerspiele. Gerettet wird der auch in Nebenrollen exzellent besetzte Film – Götz Schubert spielt Lenas am Ende kriegsheimkehrenden Mann, Wolfram Koch hat einen Kurzauftritt als Gestapo-Mann – von seinen Hauptdarstellern. Barbara Sukowa, Fassbinders „Lola“, zeigt unterm blutroten Strickkostüm viel Bein, sie ist noch immer eine Von-Kopf-bis-Fuß-Verführung. Alexander Khuon, Jungstar am Deutschen Theater Berlin, kann so viel Skepsis in seine großen Augen legen, dass er mitunter älter wirkt als die Geliebte. Was das alles mit der Currywurst zu tun hat? Auch sie ist, wie die Liebe, ein Wunder, indem sie das Nächste (die Wurst) mit dem Fernsten (dem Gewürz) verbindet. Ihre Erfindung, so viel sei verraten, resultiert aus einem Unfall.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Filmtheater Friedrichshain, Kulturbrauerei, Passage

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