Kino : Unterwegs bleiben

Von der Türkei nach Deutschland und zurück: Fatih Akin und sein Film „Auf der anderen Seite“. Zentrales Thema in Akins Film ist der Generationenkonflikt - den es sowohl in deutschen als auch in türkischen Familien gibt.

Daniela Sannwald
Fatih_Akin
Zwei Töchter. Nurgül Yesilcay als Ayten und Patrycia Ziolkowska als Lotte. -Foto: Corazón

Wie schmal er ist. Fatih Akin kauert in einem üppigen Lederfauteuil im Münzclub in Berlin-Mitte. Er spricht leicht näselndes Hamburgisch und trinkt heißes Wasser. Ähnlichkeit mit dem vor Überraschung und Freude wild auftrumpfenden Berlinale-Sieger von 2004 („Gegen die Wand“) ist kaum zu erkennen, Überschwang und Selbstüberschätzung scheinen konzentrierter Nachdenklichkeit gewichen zu sein. Exzesse, auch emotionaler Art, traut man diesem Mann kaum mehr zu – und dennoch hat er wieder einen Film über verzehrende Leidenschaften gedreht. Mit „Auf der anderen Seite“ taucht der gern gesehene Cannes-Gast – sowohl sein Istanbul-Dokumentarfilm „Crossing the Bridge“ als auch „Auf der anderen Seite“ wurden auf dem Festival uraufgeführt und mit seinem neuen Film hat er dieses Jahr sogar den Drehbuchpreis gewonnen – gleichsam unter den hohen Erwartungen weg: Die Wucht der Gefühle von „Gegen die Wand“ verteilt sich diesmal auf mehrere Beziehungen.

Und doch hat der in Hamburg lebende 34-jährige Regisseur in diesen Tagen gleich doppelte Nominierungschancen für den Auslands-Oscar: Deutschland schickt mit „Auf der anderen Seite“ Akins fünften Spielfilm ins Rennen, die Türkei den von ihm koproduzierten Film „Takva – Gottesfurcht“. Akin, der Ausnahmeregisseur, den das Glück seit seinem erfolgreichen Erstling „Kurz und schmerzlos“ von 1998 nicht mehr verlässt.

Generationenkonflikt als zentrales Thema

Paare, Generationen, Konstellationen: Zwei Mütter und ihre beiden Töchter, ein Vater und sein Sohn sind die Protagonisten zweier dramatischer Erzählstränge, die sich in „Auf der anderen Seite“, dem zweiten Teil von Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“, gelegentlich berühren. „Das Generationenthema interessiert mich, seit ich selbst vor zwei Jahren Vater geworden bin“, erklärt er in Berlin. „Es geht um Ambivalenzen. Was in der einen Generation richtig ist, kann in der nächsten gerade falsch sein. Diesen Konflikt habe ich bisher immer wieder gestreift, aber nicht wirklich thematisiert.“ In seinem Film stellt er dem Bremer Witwer Ali (Tuncel Kurtiz), Einwanderer der ersten Generation, einen ebenso introvertierten wie intellektuellen Sohn gegenüber, der in Hamburg Germanistik lehrt. Zwischen ihnen steht die Prostituierte Yeter.

Wegen Yeter (Nursel Köse) treten die unterschwelligen Konflikte zwischen Vater und Sohn offen zutage: Nejat (Baki Davrak), der Professor, erträgt die Geringschätzung nicht, mit der der Alte die kluge, gestandene Frau behandelt. Er verliert den Respekt vor dem Vater – ein schwerer Verstoß gegen alle sozialen Regeln. „In der Türkei gilt immer noch, dass man die Älteren respektieren muss,“ sagt Akin, „dieser Respekt wird den Kindern in die Wiege gelegt. Da schwingt das Nicht-Aufmüpfige viel eher mit, als man das von deutschen Haushalten kennt.“

Früher oder später landet jeder in der Türkei

Die abendländische Variante der Eltern-Kind-Beziehung repräsentieren Susanne (Hanna Schygulla) und ihre Tochter Lotte (Patrycia Ziolkowska) – auch sie eine unvollständige Familie. Die Studentin Lotte behandelt ihre Mutter so schlecht, dass der Zuschauer fast schon mit den strengen türkischen Erziehungsmaximen sympathisiert und sich fragt, warum die Mutter dem Kind nicht längst Grenzen gesetzt hat. Das dritte Paar ist auseinandergerissen: Die nach Deutschland ausgewanderte Yeter hat ihre Tochter Ayten (Nurgül Yesilcay) in der Türkei zurückgelassen und schickt ihr ab und zu Schuhe, um sie in dem Glauben zu wiegen, die Mutter arbeite in einem Schuhgeschäft. Ayten lebt in Istanbul und gehört einer Gruppe linker Aktivisten an. Sie flieht nach Deutschland, wird jedoch wieder in die Türkei abgeschoben – wo alle Protagonisten früher oder später landen.

Fatih Akin erzählt von Migration in die Gegenrichtung. „Ich wollte das Verhältnis einmal umdrehen und damit spielen: kein Betroffenheitsfilm über Ausländer in Deutschland, sondern einer über die Ausländer in der Türkei. Das entspricht ohnehin eher der Realität als das Bild, das die Medien meistens zeigen.“

Tatsächlich gibt es in Istanbul eine riesige, wegen des von der Erdogan-Regierung forcierten investitionsfreundlichen Klimas ständig wachsende deutsche Gemeinschaft. Die meisten sind Angestellte großer Firmen und Banken mit ihren Familien – und sie verhalten sich genau so, wie man es den türkischen Migranten hier vorwirft: Auch nach jahrelangem Aufenthalt sprechen sie nur rudimentäres Türkisch, lesen deutsche Zeitungen, die Ehefrauen beschäftigen sich in eigens geschaffenen Gesprächsgruppen nur miteinander, die Kinder gehen auf deutsche Schulen.

Istanbul als Hochburg deutscher Kultur

Akin zeigt Istanbul aber auch als Hochburg deutscher Kultur. So übernimmt der Literaturprofessor Nejat eine türkisch-deutsche Buchhandlung, die zur Anlaufstelle seiner in Istanbul gestrandeten Helden wird. Das reale Vorbild für den Laden ist ein mehrstöckiges Etablissement, das der Deutsch-Österreicher Josef Mühlbauer am Ende der Prachtstraße Istiklal betreibt. Dort gibt es eine ebenfalls von Akin übernommene Pinnwand, auf der Anzeigen für Sprachunterricht, Wohnungen, Waren und Dienstleistungen aller Art angeboten werden – auf Deutsch, aber auch in vielen anderen Fremdsprachen.

Ein bisschen von Akin selbst scheint in die Figur des Nejat eingegangen zu sein. Und nicht nur in ihn: „Hanna Schygulla ist eine Grande Dame des deutschen Kinos. Es war eine Herausforderung für mich, sie als Susanne zu besetzen. Durch ihren Körper, ihre Stimme, ihren Geist sprechen auch meine eigenen Gefühle und Gedanken“, gesteht der Regisseur.

Neben Schygulla hat Akin mit Tuncel Kurtiz einen großen Darsteller des türkischen Kinos der siebziger Jahre gecastet. Beide wurden vor 30 Jahren zu Stars, Schygulla vor allem bei Fassbinder, Kurtiz bei Yilmaz Güney und Erden Kiral. „Ich wollte den beiden Filmemachern Ehre erweisen“, sagt Akin, „sie haben zur gleichen Zeit Filme gedreht und sind um die gleiche Zeit gestorben, Fassbinder 1982, Güney 1984. Beim Publikum aus meiner Generation und bei noch Jüngeren will ich Interesse für ihre Filme wecken.“

Zeitgeschichte wird nicht ausgespart

Auch auf zeitgeschichtliche Ereignisse bezieht sich Akin. So berichtet die Prostituierte Yeter, wie ihr Mann 1978 in der anatolischen Stadt Maras erschossen wurde. „Da haben Sunniten eine alevitische Minderheit massakriert, es gab 110 Tote. Das Militär guckte nur zu – bei einem religiös motivierten Verbrechen.“ Der Bürgerkrieg führte schließlich zum Militärputsch vom 12. September 1980. „Maras ist ein Trauma der Aleviten. Ich sage in dem Film nicht, ob Yeter und ihre Tochter Ayten Kurden sind, aber für mich sind sie auf jeden Fall Aleviten. Sie haben die linke Bewegung in der Türkei begründet – auf dem Land in Zentralanatolien mussten sie sich gegen die feudalen Strukturen der Großgrundbesitzer vereinigen. Auch ihre Religionsausübung ist weniger dogmatisch als die der Sunniten. Sie sind eine Minderheit, die seit Jahrzehnten ungerecht behandelt wird, und ich entwickle immer Sympathie für Gruppierungen, die ungerecht behandelt werden.“

Beinahe hat Fatih Akin zu viel in seinen Film gepackt: türkische Geschichte, Europa, Migranten, türkisches Rechtssystem, Generationenkonflikte, eine lesbische Beziehung, Prostitution, Tod – was kann er da noch drehen? „Die ultimative Einwanderungsgeschichte will ich erzählen!“ Drunter tut er’s nicht, der schmale, selbstbewusste Fatih Akin.

Ab Donnerstag in acht Berliner Kinos

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