Kino: "Verblendung" : Die Legende von Mikael und Lisbeth

Exotisch, neurotisch, gut: „Verblendung“ ist die Verfilmung des schwedischen Krimi-Bestsellers. Es geht um nichts weniger als um alte und neue Nazis, Innen- und Außenpolitik, Gewalt gegen Frauen und Korruption.

Daniela Sannwald
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"Verblendung" ist etwas für Larsson-Fans genauso wie für Neueinsteiger, die den Film als gelungenen Thriller genießen dürften. -Foto: Yellowbird

Hundert Millionen Euro erbeuteten schwedische Gangster letzte Woche bei einem Hubschrauber-Überfall auf das Gelddepot einer Sicherheitsfirma im Stockholmer Stadtteil Västerberga. Um die die Verfolger aufzuhalten, hatten sie Metalldornen in den umliegenden Straßen ausgelegt und eine Bombenattrappe auf dem Flugfeld der Polizei deponiert. So entkamen sie. Bisher gibt es keine Hinweise auf die Täter.

Über die Realität der schwedischen Polizeiarbeit weiß man wenig, umso mehr jedoch über fiktive Ermittler, zu deren bekanntesten Vertretern der eigenbrötlerische Kommissar Kurt Wallander im südschwedischen Ystad gehört. Für den Schriftsteller Henning Mankell erwies sich die Erfindung dieses Krimi-Helden als äußerst lukrativ: Seit dem ersten Wallander-Roman 1991 wurden weltweit über 30 Millionen Bücher verkauft.

"Verblendung" wurde 15 Millionen Mal verkauft

Diesen Rekord droht nun das Werk seines Landsmanns Stieg Larsson locker zu überbieten. 2005 trat dessen Ermittlerduo Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander auf den Plan – er ein mit allen investigativen Strategien vertrauter Wirtschaftsjournalist Anfang 40, sie Ermittlerin in einer privaten Sicherheitsfirma und Computerhackerin mit einer fürchterlichen Kindheit, die sie zur Autistin werden ließ. „Verblendung“ heißt der erste von drei Romanen um Lisbeth und Mikael, die bereits 15 Millionen Mal verkauft wurden. Es geht darin um alte und neue Nazis, Innen- und Außenpolitik, den Kalten Krieg, Gewalt gegen Frauen, Korruption, alte Seilschaften und politische Intrigen – als ob man es nicht mit einer der stabilsten Demokratien der Welt, sondern mit einem krisengeschüttelten Kleinstaat zu tun hätte.

Nun ist Stieg Larssons sogenannte Millennium-Trilogie mit der Verfilmung von „Verblendung“ durch den versierten Fernsehkrimi-Regisseur Niels Arden Oplevs auch im Kino angekommen. In tristen, verwaschenen Grau-Blau-GrünTönen ist die Landschaft um das verschneite Dorf Hedeby gezeichnet, in dem ein Großteil der Handlung spielt, und auch die Interieurs machen frösteln, in denen Schwedens Großindustrielle, Redakteure und Computerhacker hausen. Kein Wunder, dass Gewalttaten hier nicht nur in schalldichten Kellern, sondern auch in Wohnzimmern und Büroräumen geschehen.

Die Fan-Gemeinde trauerte um Larssons Tod

Stieg Larsson, selbst Journalist, galt als Experte für internationalen Rechtsradikalismus. Angeblich hatte er noch sieben weitere Bände geplant, aber Larsson starb 2004 mit 50 an einem Herzinfarkt – zum großen Verdruss der Larsson-Fans in aller Welt. Durchaus ungewöhnlich im Zeitalter digitaler Medien, versenken sie sich stunden-, tage-, nächtelang in die Lektüre, reagieren äußerst gereizt auf Unterbrechungen und werfen selbst ihre liebsten Alltagsrituale über Bord. Ähnliches Suchtverhalten kennt man sonst nur von Harry-Potter-Adepten.

Dabei ist die Handlung von „Verblendung“ selbst für das Krimi-Genre relativ konventionell: Der steinreiche Industrielle Henrik Vanger betrauert noch immer das Verschwinden seiner Nichte Harriet, die vor Jahrzehnten während einer Familienfeier spurlos verschwunden ist. Jetzt, mit über 80 Jahren, will er ein letztes Mal herauszufinden versuchen, was damals geschah. Hilfe erhält der mit reichlicher Apanage beauftragte Journalist Mikael Blomkvist von der privaten Ermittlerin Lisbeth Salander, die bereits alles über Mikael weiß – schließlich hatte ihr Chef sie im Auftrag Vangers auf ihn angesetzt. Gemeinsam vertieft sich das Duo in die Geschichte des Familienclans und stößt auf eine Serie von lange zurück liegenden, nie aufgeklärten Frauenmorden. Blomquist und Salander kommen dem Mörder auf die Spur, und das Rätsel um die verschwundene Harriet löst sich auf völlig unerwartete Weise. Doch bleiben allerhand Fragen offen, die sich allesamt um Lisbeth Salander drehen: Warum ist sie so verschlossen und unfähig zu Emotionen? Warum traut sie weder der Polizei noch den Behörden? Was hat ihr martialisches Äußeres – Piercings und Tattoos am ganzen Körper – zu bedeuten? Und was hat man ihr in der Kindheit zugefügt, das sie so nachhaltig traumatisiert hat? Genug Stoff also für „Verdammnis“ und „Vergebung“, den zweiten und dritten Band der Trilogie.

Eine Reihe von Figuren mit eigenen Geschichten

Es ist dabei weniger die Handlung als vielmehr die Erzählweise Stieg Larssons, die zu einer über das pure Krimi-Genre hinausweisenden Verfilmung reizt. Neben seinem Helden führt er eine Reihe von Figuren – Kollegen, Verwandte, Geliebte – ein und versieht sie mit eigenen Geschichten, die manchmal kaum mehr etwas mit dem Haupterzählstrang zu tun haben. Sein Heldenpaar gestaltet er dafür mit psychologisch spannungsförderndem Sinn fürs Ambivalente: Dem mit allen Eitelkeiten und Selbstzweifeln eines 40-jährigen nordeuropäischen Mannes behafteten Mikael Blomkvist stellt er eine äußerst exotische und neurotische Mittzwanzigerin an die Seite. Jede Figur reflektiert Defizite und Stärken der anderen, und beide gewinnen dadurch an Kontur. Schließlich arbeitet bereits der Roman nach dem filmischen Techniken der Parallelmontage und Rückblende: Larsson teilt die Handlungsstränge in viele kleine Szenen auf, führt die Einzelgeschichten nebeneinander fort und unternimmt gelegentliche Exkurse in die Vergangenheit.

„Verblendung“-Regisseur Niels Arden Oplev – hierzulande durch die superspannende TV-Serie „Der Adler“ bekannt – hat die Handlung des 700-Seiten-Romans zwangsläufig stark gerafft und einige Nebenfiguren weggelassen. Die Träume und längst vergangenen Morde sind in stark überbelichtete Szenen gefasst, wie Gedankenblitze in den Köpfen der Ermittler. Die Gewalttaten der Gegenwart sprengen nicht den Rahmen einer wohl kalkulierten Dramaturgie, auch wenn sie hart an der Grenze des Erträglichen inszeniert sein mögen. Entscheidend für Larsson-Fans aber ist die Besetzung der Hauptfiguren. Und sie können aufatmen: Es funktioniert!

Die einen mögen Michael Nyqvist (als Blomkvist für nicht stark oder vielleicht auch nicht sexy genug halten, und die anderen hätten Lena Endre (als Blomkvists Chefin Erika Berger) gern in einer größeren Rolle gesehen. Noomi Rapace aber, eine Idealbesetzung, gibt den von den Lesern imaginierten Lisbeth Salander ein gültiges Gesicht. Die durchtrainierte Dreißigjährige unterstreicht ihre Wortkargheit durch harte, abrupte Bewegungen, als steckte sie in einer Rüstung, und noch in ihren grausamen Rachefeldzügen verhält sie sich kalt und kontrolliert. „Verblendung“ ist also etwas für Larsson-Fans genauso wie für Neueinsteiger, die den Film als gelungenen Thriller genießen dürften.

- Ab Donnerstag im Kino.

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