Kino : Vom Irokesen zum Stadtrat

Eine Band namens Wutanfall: Der Film "Ostpunk" porträtiert sechs Zornige.

Michael Luger
Ostpunk
Szene aus "Ostpunk". -Foto: Igor Tatschke, AG Mauerstein 1984. © Neue Visionen.

Mike Göde parkt seinen schwarzen Mercedes in der Hauseinfahrt seines netten Einfamilienhäuschens im Grünen. Er ist gerade von der Arbeit als selbstständiger Unternehmer auf Berlins Baustellen zurückgekommen. Sein Hund erwartet ihn im Garten, Göde spielt zur Begrüßung mit ihm, so liebevoll wie mit einem kleinen Kind.

Punk ist das nicht. Seine zweite Existenz als Sänger der Hardcorepunkband Punishable Act kommt da schon eher dran. Während Göde im Gespräch oft stottert und nach Worten sucht, ist er auf der Bühne selbstsicher und singt ohne jeden Fehler, seine helle, weiche Stimme verwandelt sich in ein tiefes Grollen, ein bedrohliches Geschrei, während die Band das spärlich erschienene Publikum mit einem veritablen Gitarrengewitter zufriedenstellt.

Göde ist Punk seit Anfang der achtziger Jahre und in der DDR aufgewachsen. Während in England junge Menschen angesichts schlechter Ausbildung, geringer Chancen auf Arbeit und einer verstockten Klassengesellschaft die Rebellion übten und den Slogan „No Future“ skandierten, waren die Voraussetzungen im Osten andere: „Too much future“, wie der Untertitel der Dokumentation „Ostpunk!“ verheißt, Pläne, Vorgaben, Einschränkungen und vor allem keine Möglichkeit zur individuellen Entfaltung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die aufgestaute Energie einer normierten Jugend auch im Osten entladen würde. Die Namen der ersten Ost-Punkbands – Wutanfall, Schleimkeim, L’Attentat oder Planlos – waren bezeichnend für den überbordenden Zorn und Freiheitsdrang einem konformistischen System gegenüber.

Die Regisseure Carsten Fiebeler und Michael Boehlke vermessen in ihrer Dokumentation anhand von sechs Protagonisten der ersten DDR-Punkgeneration das Phänomen. Wie lebt es sich als Außenseiter in einer Gesellschaft, die Außenseiter überhaupt nicht vorsieht? Neben Mike Göde erzählt auch die Malerin Cornelia Schleime ihre Geschichte. Sie wollte sich nicht mit dem engen DDR-Kunstverständnis zufriedengeben, scherte aus und wurde 1981 prompt mit einem Ausstellungsverbot belegt, gründete die Punkband Zwitschermaschine und verließ schließlich 1984 die DDR. Ihre zuvor entstandenen Bilder und Filme gingen beinahe komplett verloren. Heute ist Schleime Trägerin mehrerer Kunstpreise und gehört zu den erfolgreichsten Malerinnen Deutschlands. Eine Entwicklung, die stellvertretend für viele ehemalige Punkgrößen steht. Vom widerspenstigen Geist ist nicht viel übrig geblieben, der jede Form des Konformismus einst bekämpfte, der geregelte Alltag hat Einzug gehalten, und man erzählt amüsiert von früheren Eskapaden.

So gerät „Ostpunk“ auch mehr zum Porträt von sechs Lebensgeschichten als zur rastlosen Punk-Chronik. Der Film gibt seinen Protagonisten viel Raum für Erzählungen und verzichtet ganz auf ergänzende Kommentare. Er zeigt die ehemaligen „Systemfeinde“ bei dem, was sie heute gerne tun. Sie fahren Harley, sitzen in Parks und machen Sport. Das Gegenwartsidyll wird nur gelegentlich von alten Fotos, DDR-Propagandamaterial und grobkörnigen Super-8-Filmen gebrochen. Der Kontrast könnte kaum größer sein, wenn die heutigen Mittvierziger plötzlich als Jugendliche in dreckigen Kellerlokalen zu sehen sind und mit Irokesenschnitt und zerschlissenen Klamotten ihre Songs über den Überwachungsstaat und dessen Repression singen.

Die filmische Rückschau auf die Ungezwungenheit der alten Punktage, die man sich in der von Zwängen durchzogenen DDR geleistet hat, kommt nicht ganz ohne Melancholie aus. Damals waren sie rebellisch, heute sind sie angepasst. So ist „Ostpunk“ auch – ja, vor allem – die Geschichte einer Mäßigung. Zuerst war die Rebellion, dann kam der erste fixe Job, eine eigene Wohnung, später die Familie und ein großes Auto. Und schon ist man in die einst so verhassten Strukturen eingebunden, ohne dass man sonderlich energisch wieder herauswill.

Bernd Stracke etwa war Sänger der Leipziger Band Wutanfall und saß wegen seinem Protest gegen das politische System zweimal im Gefängnis. Jetzt ist er als parteiloser Stadtrat der Kleinstadt Löbau in der Nähe von Dresden in die Lokalpolitik gegangen. So geht das.

„Im Herzen werde ich immer ein Punkrocker bleiben“, sagt Mike Göde zum Schluss, beinahe theatralisch. Heute kann man als Punk auch Mercedes fahren.

Central Hackescher Markt, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Moviemento.

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