Kino : Was auch immer Liebe heißt

Prinzessin der Herzen: Keira Knightley spielt in "Die Herzogin" eine Glamour-Figur, eine in ihrer Ehe zutiefst unglückliche Frau - eine Vorläuferin von Lady Di.

Christina Tilmann
Knightly
Keira Knightly als Georgina Spencer in dem Drama "Die Herzogin". -Foto: ddp

Sie ist die Stilikone ihrer Zeit, eine „emperess of style“. Immer höhere Turmfrisuren. Immer tiefere Ausschnitte. Immer mehr Spitzen, Schmuck und Straußenfedern. Wenn sie ein neues Outfit vorführt, möchte die ganze Stadt es am nächsten Tag kopieren. „Es gibt niemanden, der sie nicht liebt. Außer vielleicht ihr Mann“, sagt ein Fan.

Eine Glamour-Figur, eine Prinzessin der Herzen – und eine in ihrer Ehe zutiefst unglückliche Frau, die aus Verzweiflung die Flucht in die Öffentlichkeit antritt. Je schnöder ihr Ehemann sie behandelt, desto entschiedener umgibt sie sich mit einer bunten Bohème-Gesellschaft von Künstlern, Theaterleuten, Schriftstellern. Und mischt sich selbstbewusst in die Politik, macht Wahlkampf für den Kandidaten, der gleichzeitig ihr Geliebter ist. Dass eine Frau selbst zu denken und leben wagt – das ist ein Skandal in der strikten Hofgesellschaft. Sie hätte sich fügen und still leiden sollen.

Nein, die Rede ist hier nicht von Lady Di, sondern von Lady G., wie sie ihre Freunde nennen. Die schöne Georgiana Spencer, Herzogin von Devonshire, eine der schillerndsten Gestalten des 18. Jahrhunderts in England, ist tatsächlich eine Ahnin von Diana Spencer. Und eine Frau, die, mehr als zweihundert Jahre früher, ein ähnliches Drama erlebte. Beide wuchsen auf dem Familiengut der Spencers in Althorp auf, ungezwungen, ungebunden. Beide heirateten, gedrängt von einer überehrgeizigen Mutter, jung und unglücklich. Und beide sind Legenden geworden.

Das Leben der Georgiana Spencer erzählt Saul Dibbs Film „Die Herzogin“ voll Prunk und Raffinesse, ohne die aktuelle Parallele jemals beim Wort zu nennen. Und doch klingt sie in jeder Szene dieses spektakulären Ausstattungsfilm mit – für die Kostüme gab es einen Oscar. Ein Historienfilm mit einem modernen Kern. Wie auf Bildern von Gainsborough oder Reynolds lässt Kostümbildner Michael O’Connar weiß gepuderte Locken wehen, edle Spitze knistern, Satin und Taft rauschen, und Augen mit Schmuck um die Wette funkeln. Auch Keira Knightleys schlanke Figur, ihr Porzellanteint, der Schmollmund und die rabenflügligen Augenbrauen passen perfekt in diese Zeit. Und doch spielt sie keine Modepuppe, sondern eine Widerspenstige, die gezähmt werden soll. Mehr Elizabeth Swann aus „Fluch der Karibik“ als Elizabeth Bennett aus „Stolz und Vorurteil“.

Es beginnt mit einer Effi-Briest-Situation, wie man sie ähnlich unlängst mit Julia Jentsch erleben durfte. Georgiana, der Wildfang vom Land, balgt sich mit ihren Freundinnen auf der Wiese, veranstaltet ein Wettrennen für die Verehrer, belohnt den Sieger, den charmanten Lockenschopf Charles Grey, mit einem Kuss – und wird von der Mutter ins Haus zitiert: Ein Bewerber um ihre Hand hat sich eingefunden, der berühmte, mächtige, deutlich ältere Herzog von Devonshire.

Charlotte Rampling als Lady Spencer macht aus dieser kurzen Szene, aus dem schnöden Handel um die Hand der Tochter ein Kabinettstück über die Kälte von Vernunftentscheidungen, predigt Geduld, Stärke und Resignation, wo doch das ganze heiße Sehnen der Tochter auf Liebe geht. Liebe, die der Ehemann, der meinte, bloß einen Ehevertrag ohne Gefühlsverpflichtung zu schließen, nie zu geben vermochte. „Ich liebe dich, in der Art, wie ich Liebe verstehe“, wird er ihr sehr viel später gestehen. Prinz Charles nannte das „whatever love means“.

Es ist eine Leidensgeschichte, die hier beginnt, voller Demütigung, Verzweiflung und Einsamkeit. Und, im England des 18. Jahrhunderts, getragen von geradezu mittelalterlichen Vorstellungen, die an „The Other Boleyn Girl“ erinnern. Der Herzog von Devonshire verlangt einen männlichen Erben, und sobald dieser geliefert sei, verspricht er reiche Belohnung, am Ende dann Freiheit. Nur der Weg dahin kommt einer Vergewaltigung gleich, liebloser Ehevollzug, während die wenigen Emotionen des Herzogs für Sex mit Hausangestellten und eine lebenslange Affäre mit Georgianas Vertrauter und bester Freundin Bess (Hayley Atwell) aufgespart werden. Bess, selbst unglücklich verheiratet, wird Teil einer komplexen Menage-à-trois, bald ziehen auch ihre Kinder ein, Jungs allesamt, mit denen der Herzog die Vaterfreuden erfährt, die ihm die Ehe nicht schenken konnte. Doch als Georgiana ihrerseits aus einer Affäre mit dem Jugendfreund Charles Grey eine Tochter bekommt, wird sie brutal gezwungen, das Kind wegzugeben. Es gibt keine Gleichberechtigung in dieser Welt, die allein nach Regeln von Form und Façon funktioniert.

Dagegen hat Georgiana nie eine Chance – und kämpft doch immer weiter. Sie ist eben nicht nur Opfer ihrer Zeit, sondern eine Ausnahmefigur: Sie gibt nicht klein bei, wehrt sich mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Diese Mittel heißen, genau wie heute: Schönheit, Geld – und Publicity. Glanzvolle Feste, bei denen sie der strahlende Mittelpunkt ist, Theateraufführungen, in denen das Verhalten ihres Ehemanns auf der Bühne attackiert wird, und ihre Tätigkeit als Wahlhelferin von Charles Grey, dem sie mit ihrer Popularität die Herzen des Volkes gewinnt – und gleichzeitig ihrem Ehemann beweist, welche Unterstützung für seine politischen Ambitionen er da leichtfertig verschmäht hat. Dass Georgiana Spencer auch eine maßlose Verschwenderin war, spielsüchtig, alkoholabhängig, dass sie ihr Vermögen gleich mehrfach ruinierte und deshalb auch finanziell immer von ihrem Ehemann abhängig blieb, diese Facette streift der Film nur kurz. Sie hätte das leuchtende (Vor-)bild zerstört.

Und doch ist „Die Herzogin“ vor allem ein Ehefilm – und einer, der erstaunlicherweise beiden Seiten so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dass Ralph Fiennes es schafft, den strengen, nüchternen Herzog von Devonshire wenn nicht sympathisch, so doch zumindest menschlich erscheinen zu lassen, ist die eigentliche Sensation und eine von Fiennes’ reifsten Leistungen. In den Konventionen gefangen, immer in Angst vor öffentlichem Skandal, ist dieser nur mit mittelmäßigen Gaben ausgestattete Adlige überfordert mit dem Paradiesvogel, der ihm da ins Haus geflogen ist. Spät, sehr spät, finden die beiden eine Sprache miteinander, eine Art des freundschaftlich-verständnisvollen Auskommens, eine Form von „calm normality“, ruhiger Normalität. Charles und Diana blieb dies verwehrt.

Ab Donnerstag in zehn Berliner Kinos, OmU im Babylon Mitte, OV im Cinestar Sony-Center

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