Kinofilm : Der kürzeste Weg ins Herz eines Mannes

… ist die Demütigung: Kenneth Branagh schickt in „1 Mord für 2“ Michael Caine und Jude Law in den Ring. Und zelebriert damit ein gelungenes Kammerspiel.

Julian Hanich
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Gemeinheit verbindet: Michael Caine und Jude Law als Gegner auf der Leinwand. -Foto: Sony Film

Man sollte Beschwerde einlegen. Sich empört an die Obrigkeiten wenden. Oder gleich bei einer Polizeiwache vorbeigehen und Anzeige erstatten wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen. Denn dieser Film erfüllt den Tatbestand der Täuschung, nachzulesen in § 263 des Strafgesetzbuches. Konditioniert auf freundliche Fernsehkrimis, bei denen man sich nach etwa 14 Minuten behaglich im Sessel zurücklehnen kann, weil das Ende bereits absehbar ist, konfrontiert einen dieser dreiste Film plötzlich mit unerwarteten Plotwendungen und Handlungsfinten aus dem Nichts. Aber so nicht, meine Herren! Wäre ja noch schöner, wenn Krimis plötzlich ungestraft wieder die Ungewissheit einführen, ja den Zuschauer gar zum Miträtseln anregen dürften.

Andererseits: War da nicht mal was? Ging es im Kriminalfilm nicht genau darum: Täuschung, Illusion, das Vorspiegeln falscher Tatsachen? Überrascht nimmt man zur Kenntnis, dass es so etwas heutzutage noch gibt. Kenneth Branaghs „1 Mord für 2“ ist feinste englische Krimi-Schule. Ein Kammerspiel – oder sagen wir besser: ein Landhausspiel – mit zwei Männern, die sich in brisante Wortduelle verstricken, um dann feierlich zu boshafteren Praktiken überzugehen. Natürlich geht es hier auch um Mord, Ehebruch und andere Kleinigkeiten. Doch am Ende steht viel Bedeutenderes auf dem Spiel als Verbrechen und Tod: die männliche Eitelkeit.

Auf der einen Seite des Spielfelds nimmt Platz: der erfolgreiche Kriminalschriftsteller Andrew Wyke (Michael Caine). Seit Narziss im eigenen Spiegelbild ertrank, waren wenige Männer verliebter in sich selbst als dieser mondäne Ästhet. Äußerlich leicht tattrig, hält sich der silberhaarige Wyke nicht nur für ein Genie, sondern sogar für einen großen Liebhaber. Auf der anderen Seite steht der Schauspieler Milo Tindle (Jude Law): jung, hübsch, gewandt. Er besitzt die Frechheit, in eine Affäre mit Wykes Gattin verwickelt zu sein und jetzt auch noch Wykes Einwilligung zur Scheidung zu fordern. Eine gefährliche Liebschaft, wie sich herausstellt, denn Wyke ist not amused. Deshalb hat er Tindle in sein unterkühlt eingerichtetes und mit elektronischem Schnickschnack vollgestopftes Landhaus eingeladen.

Ihr Schuss- und Gegenschuss-Duell wird zur Feier des englischen Sportsgeists, obwohl Fairplay nicht zu den ersten Tugenden der beiden gehört. „Der kürzeste Weg ins Herz eines Mannes ist, wie Sie wissen, die Demütigung“, erklärt Wyke seinem Spielgefährten. Und nach dieser Regel verfahren die beiden denn auch. Schriftsteller gegen Schauspieler: Zwei kreative Fähigkeiten belauern sich hier, die in einem Zweikampf der Gemeinheiten durchaus hilfreich sein können – die Fantasie und das So-tun-als-ob.

Branaghs „1 Mord für 2“ (im englischen Original schlicht „Sleuth“) ist ein Remake von Joseph L. Mankiewicz’ „Mord mit kleinen Fehlern“ (im englischen Original ebenfalls „Sleuth“) von 1972. Damals spielte Laurence Olivier die Rolle von Michael Caine, während Caine in der Rolle zu sehen war, die nun Jude Law übernimmt. Betrachtet man die beiden Filme hintereinander weg, stechen nicht nur die Gefechte zweier exzentrischer Filmfiguren ins Auge, hier duellieren sich zudem verschiedene Schauspielstile. Auch wenn im direkten Vergleich die bizarre Brillanz von Lord Laurence über Sir Michael und den ungeadelten Jude Law triumphiert – die Neufassung kann auf andere Weise punkten.

Branagh hat die manchmal schwerfälligen 138 Minuten des Originals auf griffige 86 Minuten heruntergekürzt. Zwar mögen dabei Mankiewicz’ wunderbar groteske Untertöne verloren gehen, der Film gewinnt aber deutlich an Tempo und Spannung. Außerdem wird in der Drehbuchüberarbeitung von Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter der Klassengegensatz zwischen Tykes snobistischer Upperclass und dem Aufsteigertum des Zuwanderersohns Milo Tindle entkräftet. Dafür bekommt der homo ludens hier homoerotische Züge, denn das garst’ge Spiel der beiden Männer wirkt nicht selten wie ein lüsternes Vorspiel. Das wird vor allem im letzten Viertel deutlich, in dem sich der Film vollends vom Original entfernt.

Darüber hinaus treiben Branagh und Pinter ein subtiles Versteckspiel. Am Anfang führt Wyke seinen Nebenbuhler in ein Kabinett, in dem seine eigenen literarischen Werke ausgestellt sind: „Blackout“, „Toter Fisch“, „Die Ratte in der Falle“. Alle diese Titel tauchen im Laufe der Handlung irgendwann wieder auf. Wo? Der Zuschauer muss schon genau hinschauen. Und dabei auch noch mitdenken. Ein braver Fernsehkrimi sieht anders aus.

In sechs Kinos; Originalversion im Cinestar Sony-Center, mit Untertiteln im Babylon Kreuzberg

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