Kinogeschichte : Die Sünderin

Der Fall, der Film: Eine Frankfurter Ausstellung zeigt "Alles über Rosemarie".

Josef Nagel
Nadja Tiller
Nadja Tiller als Callgirl Nitribitt. -Foto: Deutsches Filminstitut/ Filmmuseum

Wer war diese Frau? 1933 unehelich geboren, zog es sie nach einer Kindheit und Jugend im Waisenhaus und im Erziehungsheim von Düsseldorf nach Frankfurt , wo sie sich als Prostituierte im Lauf der Zeit einen erlesenen Kundenstamm zulegte. Wie passen die Bilder einer Lebedame in französischen Dessous und im schwarzen Mercedes Cabrio 190 SL mit roten Ledersitzen mit der eingeschüchterten, unscheinbaren Frau auf den erkennungsdienstlichen Fotos der Frankfurter Polizei von 1951 zusammen?

Am 1. November 1957 wird Rosemarie Nitribitt, das bekannteste Callgirl Deutschlands, in der Frankfurter Stiftstraße 36 tot aufgefunden, sie ist 24 Jahre alt. Die Illustrierte „Quick“ bietet 50 000 Mark Belohnung für die erfolgreiche Enttarnung des Mörders, die Ermittlungen verlaufen langwierig und fehlerhaft, Teile der Prozessakten verschwinden. Bis heute ist das Verbrechen nicht aufgeklärt.

Nun dokumentiert eine kleine Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum die Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Skandalfilms „Das Mädchen Rosemarie“. Der Nachlass des Produzenten Luggi Waldleitner (1913 – 1998), den das Haus beherbergt, bildete dafür eine wahre Fundgrube. Hinzu kommen Privatfotos der Nitribitt, Originaldokumente wie ein Taschenkalender, Vernehmungsprotokolle der Polizei oder Postkarten der Verehrer an „Mein liebes Rehchen“. Auch die Akte des 1960 vom Mordverdacht freigesprochenen Handelsvertreters und Freundes aus dem Schwulenmilieu, Heinz Pohlmann, liegt in einer Vitrine.

Nein, einen Skandal würde dieser Stoff, dieser Film heute nicht mehr auslösen. Zu bieder wirkt die Schwarzweiß-Ästhetik von Rolf Thieles 1958 gedrehtem Spielfilm „Das Mädchen Rosemarie“, das Publikum ist längst stärkeren Tobak gewohnt. Vor 50 Jahren hingegen war eine Prostitutierte als Protagonistin noch anrüchig – bei dem Luxuscallgirl Nitribitt sorgte die Verbindung zur High Society ohnehin für ein „Gschmäckle“, das im Wirtschaftswunderland nicht an die große Glocke gelangen sollte.

So liefert die von Ursula Kähler kuratierte Schau Ausgangsmaterial für viele Fragen und eine filmhistorische Neubewertung. Es entsteht ein Sittengemälde der fünfziger Jahre – mit all der Heuchelei, dem Pharisäertum und den Verdrängungsmechanismen einer überforderten Nachkriegsära. „Das Mädchen Rosemarie“ ist die Geschichte einer Frau ohne Geschichte, draußen vor der Tür, Opfer einer geschlossenen Gesellschaft. Und einer der wenigen kritischen Filme über die Adenauer-Ära.

Der Film wurde an Originalschauplätzen in Frankfurt und vor allem in Artur Brauners CCC-Studios in Berlin-Spandau inszeniert. Nach Protesten aus der Branche und 16 einstweiligen Verfügungen versuchte das Auswärtige Amt, die Teilnahme an den Filmfestspielen in Venedig zu verhindern: Man fürchtete, dass Thieles Bilder falsche Vorstellungen von den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen in der Bundesrepublik vermitteln. Die FSK diskutierte ein Verbot – wegen „Vermischung von Kabarettistischem und Pseudowirklichkeit“, „Anprangerung der Bundeswehr“, der Gefahr des Ausschlachtens des Falles in der „Ostzone“ und der „entsittlichenden Wirkung“.

Am Ende erging Gnade vor Recht: Einzig die Kritik an der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik – ein Zwischenschnitt von marschierenden Soldaten sowie der Einleitungstext – mussten abgeschwächt werden. Zuvor ließ Produzent Waldleitner bereits ein Konterfei von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard im Schlafzimmer der Nitribitt retuschieren.

Am 28. August 1958 in der Bundesrepublik gestartet, avancierte die Produktion mit über acht Millionen Zuschauern zum Kassenschlager. Die Kritik reagierte ambivalent auf den Versuch, Wirtschaftswunderrealität mit Kabarettanleihen in Brechtscher Distanzierungsmanier zu kombinieren. Immerhin wurde „Das Mädchen Rosemarie“ in Venedig von der italienischen Filmkritik ausgezeichnet und erhielt einen Golden Globe. Da die triste Vorgeschichte der Nitribitt ausgeblendet bleibt, nannte das „Time Magazine“ den Film ein „prickelndes ChampagnerStück“, das oft „nur kitzelt, wenn es in Wirklichkeit zuschlagen müsste“.

Für Regisseur Rolf Thiele, den „ChefErotiker des deutschen Films“ und Vertreter von Opas Kino, war das Skandalon eine Gratwanderung zwischen Kunst und Kunstgewerbe. „Wir hatten überlebt, hatten Asche auf der Zunge. Man robbte sich durch die Biedermeierei der fünfziger Jahre. Die war aber auch nötig - der Aufbau als Kompensation“, lautete sein Fazit.

Deutsches Filmmuseum Frankfurt. Bis 2. November. Di/Do/Fr 10 – 17 Uhr, Mi/So 10 – 19 Uhr, Sa 14 – 19 Uhr

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