Kinohelden : Das Ende der Coolness

Der Zeitgeist hat sich gewandelt: Kinohelden zeigen Schwächen und sehnen sich nach Familie – heute ist "authentisch" in.

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Gelassen und wortkarg: In seiner Rolle als Barbesitzer Rick in „Casablanca“ wurde Humphrey Bogart zum Inbegriff der Coolness.
Gelassen und wortkarg: In seiner Rolle als Barbesitzer Rick in „Casablanca“ wurde Humphrey Bogart zum Inbegriff der Coolness.Foto: akg-images

Was ist los mit James Bond? Statt Martini trinkt er neuerdings Dosenbier. Er zeigt Schwächen, agiert aus Rachsucht, sehnt sich nach einem Nest mit Familie und jammert über persönliche Probleme. Wenn er noch von Bier auf Bionade umsteigen oder sich zu einer Selbsterfahrungsgruppe anmelden würde, wäre das wohl auch nicht mehr verwunderlich. In den Fundus der Filmstudios abgewandert ist der alte, kalte Krieger vom Typus des gerade eben achtzig gewordenen Sean Connery. Sein Nachfolger, gespielt von Daniel Craig, sucht Bonding, also Bindung. Mit einem Wort: Dieser James Bond „fungiert nicht mehr als Ikone der Coolness“. Jedenfalls ist das eine Behauptung des Sammelbands „Coolness. Zur Ästhetik einer kulturellen Strategie und Attitüde“, herausgegeben von den Kunsthistorikern Annette Geiger, Gerald Schröder und Änne Söll (transcript-Verlag für Kultur- und Medientheorie, Berlin 2010). Den neuen Bond sehen die Trendanalytiker als Symptom für den gewandelten Zeitgeist, worin Coolness out zu sein scheint.

Coolness, sagen die Autoren, sei „die bewusst arrangierte Kälte von Umgangsformen, Körperinszenierungen und Charakteren, aber auch von Bildern, Texten und Medien“, und „eine der wichtigsten Kulturtechniken der Moderne“, das heißt in Popkultur, Film, Kunst und Kommerz. Unmerklich soll nun das ganze Konzept verschrottet worden sein, Pose und Pokerface gelten nichts mehr.Auf den neuen Zeitgeist passe eher der Begriff „Authentizität“, ein Schreckenswort in jeder coolen Szene. Übrig geblieben scheint das universell genutzte Adverb „cool“, anwendbar auf irgendwie alles, was als gut, okay, annehmbar gilt. Schon Kleinkinder kennen es: „Zoo gehen? Ja, Papa – cool!“ Im Alltag haben „cool“ wie „Coolness“ eine derartige Inflation erlebt, dass ihr ursprünglicher Sinn mehr und mehr verwässert wurde. Sie mutierten zum Marketinginstrument. Wer junge Leute mit Werbung ansprechen wollte, wollte Coolness suggerieren, früher mit Coca Cola oder Jeans, dann mit Tommy-Hilfiger-Sweatshirts oder Apple- Computern. Weit weg von ihrem Ursprung ist Coolness fortmäandert, ausgerechnet hinein in den Rachen des Kommerzes, von dem sie sich abgrenzen wollte.

In der Coolness-Forschung glaubt man den Ursprung dieser Haltung bei einer westafrikanischen Tradition entdeckt zu haben, bei „itutu“, dem Yoruba-Ausdruck für kontrollierte Emotion, starken Charakter und die Fähigkeit, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Mit Afrikanern, die in die Sklaverei verschleppt wurden, sei die „coole Attitüde“ nach Amerika gekommen, meint der Historiker Robert Farris Thompson. Historische Coolness hat auch andere Varianten wie das Understatement britischer Aristokraten oder die Beherrschtheit von Samurai-Kriegern. Auf Diplomatenschulen gibt es Poker-Kurse, in denen man trainiert, sich Emotionen nicht anmerken zu lassen.

Aber beim Cool, wie es um die Welt ging, handelt es sich vor allem um die amerikanische, aus der Subkultur stammende Spielart. Aus den Klagen des afroamerikanischen Blues, aus Ragtime und Swing entwickelte sich um 1944 der Cool Jazz mit Miles Davis als Protagonist. „Cool 1.0“, sozusagen, war eine Erfindung der Sänger, Trompeter, Percussionists, zur Ästhetik ihrer Parallelkultur gehörte das Nachtleben, eine Attitüde von Lässigkeit, Autonomie, Lebensfreude, eine unausgesprochene Strategie der Subversion. In den 50er Jahren übernahmen Stars wie Elvis „schwarze“, coole Stilelemente.

Auch Hollywood entdeckte Coolness. Humphrey Bogart, gelassen und wortkarg, die Kippe an der Lippe, verkörperte den coolen Privatdetektiv Philip Marlowe oder, unvergleichlich, den Barbesitzer Rick in „Casablanca“. Hinter seiner zur Schau gestellten Coolness verbarg sich – wie beim echten Coolen immer – intensive Passion, für die Gerechtigkeit, für eine Lady. Coole Frauen, wenngleich seltener, gab es auch – Marlene Dietrich, Greta Garbo, Lauren Bacall, und sicherlich Nico von Velvet Underground. An der Schwelle zur Hippiekultur traten coole Autoren wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac auf die Bühne des Cool, die in den Siebzigern und nach den Beatles von The Who oder Led Zeppelin bestiegen wurde. Die Autoren Dick Pountain und David Robins („Cool Rules“, London 2000), fassten die Coolness von Jugendszenen in die Formel „attraktiv für Gleichaltrige, skandalös für Eltern, Lehrer“. Cool signalisiere eine Lebenshaltung der permanenten Rebellion und Autonomie, des Individualismus. Der wiederum, so enorm wandelbar er ist, besitzt drei konstante Elemente: Narzissmus, ironische Distanz und Hedonismus, also Genuss. Seine klassischen Zutaten waren die Nacht, die Pose, das Risiko.

Seit den 80ern war Cool 2.0 am Ruder, Cool-Imitate durchzogen alle Szenen von Punk über Wallstreet bis Gangsta Rap, von Quentin Tarantinos Underdogs bis hin zum entpolitisiertem Bolschewik-Schick und dem Kokettieren mit RAF-Symbolik. Das uncoole Kokettieren mit Gewalt drang in die Sphäre des Coolen ein, zu beobachten bei Macho-Rappern, HipHop-Kings wie Puff Daddy, Ice T. oder Snoop Doggy Dog. Wenig erinnerte noch an die Kernbotschaft des Cool, die hieß: Ich lasse mich nicht vereinnahmen, nicht von Ideologien, Gewalt, Familie, Religion, Politik. Cool und politisch zugleich konnte zwar Malcolm X sein, doch spätestens als Tony Blair „Cool Britannia“ zum Wahlkampfmotto erhob, war dieser Kontext diskreditiert. Cool wurde immer beliebiger, und dafür bietet das Tragen einer Sonnenbrille nach Sonnenuntergang eine lustige Illustration: Es soll „Coolness“ signalisieren, egal ob beim tätowierten Doorman vor der Disco, beim Jazzpianisten oder beim Wallstreet-Zocker.

Wie out ist cool wirklich? Bei einer Umfrage Ende August kam ans Licht: Helmut Schmidt, ein 91-jähriger Ex-Kanzler, der unverdrossen Kette raucht und sich brüsk bis arrogant gibt, sich mit wegwerfendem „Ach was!“-Gestus von niemandem reinreden lässt, dieser Schmidt ist der beliebteste Deutsche. Mit seiner ins Weise gewendeten Kaltschnäuzigkeit genießt er mehr Vertrauen als alle anderen Vertreter der politischen Elite. Wenn das kein Symptom für Coolness ist, was wäre es dann? Doch Vorsicht: Hier handelt es sich bei dem Mann eher um die Abgeklärtheit verblichener Macht, beim Publikum um die Sehnsucht nach authentischer Autorität. Und von Coolness im klassischen Sinn ist da tatsächlich keine Rede.

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