Kinokritik "Morgentau" : Ach, damals die Kindheit!

Ein Afrikaner reist nach vielen Jahren in die Heimat: "Morgentau". Der Film spielt in Äthiopien, Heimat des 1968 in die USA emigrierten Regisseurs.

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Der äthiopisch-amerikanische Regisseur Haile Gerima thematisiert in seinem Drama die Zeit seiner Heimat nach dem Abtritt Kaiser Haile Selassies 1974.
Der äthiopisch-amerikanische Regisseur Haile Gerima thematisiert in seinem Drama die Zeit seiner Heimat nach dem Abtritt Kaiser...Foto: Venusfilm

Ein Mann mittleren Alters mit verschlossenem Blick. Das Kind, das er einmal war. Und eine unter der afrikanischen Sonne versengte Landschaft, so überwältigend schön wie durch andauernde Gewaltherrschaft zerstört. Das sind die Hauptbestandteile von Haile Gerimas „Teza“ (2008), der nach Preisen in Venedig, Ouagadougou und Carthago nun unter dem Titel „Morgentau“ in deutsche Kinos kommt. Der Film spielt in Äthiopien, Heimat des 1968 in die USA emigrierten und in Washington DC an der Universität lehrenden Regisseurs.

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Auch sein Filmheld Anberber (Aaron Arefe) hatte sein Geburtsland verlassen; Nach dem Studium in Köln kehrt er 1990 in sein Heimatdorf zurück – doch statt beglückt zu juchzen, reagiert die Seele verstört auf die der langen Abwesenheit geschuldete Entfremdung und die angespannten Verhältnisse im Land. Also flüchtet sich Anberber in Erinnerungen an die Kindheit: Traumbilder, kurze Flashs in stimmungsvollem Abendlicht. Doch auch teils schmerzhafte Erinnerungen kehren zurück – an das Studium in Deutschland noch während der Herrschaft von Haile Selassie, wo der junge Mediziner mit Kommilitonen sozialistische Opposition organisiert. Oder an die Rückkehr nach Addis Abbeba, um nach Selassies Sturz endlich für das eigene Volk zu arbeiten. Doch schnell geraten er und sein Freund Tesfaye in Konflikt mit dem am Sowjet-Bündnis orientierten System.

Leider verliert sich die anfängliche Bildgewalt und atmosphärische Dichte in fast zweieinhalb Stunden vor allem an brave Didaktik. Auch das Mengistu-Regime wird arg holzschnittartig dargestellt. 1993 hatte Haile Gerima mit dem ghanaischen Sklaverei-Drama „Sankofa“ seinen größten Erfolg. In „Morgentau“ versucht er, die Traumata individueller Entwurzelung mit der Geschichte Äthiopiens seit dem Krieg gegen das faschistische Italien zu verkoppeln – womit er sich erzählerisch sichtbar überfordert. Doch angesichts der amerikanisch geprägten Biografie des Regisseurs irritiert es auch, wenn der zwar in Äthiopien gedrehte, doch in den USA, Frankreich und Deutschland produzierte Film als äthiopischer Film mit spezifisch afrikanischer Ästhetik gepriesen wird. Viel besser lässt sich „Morgentau“ als autobiografisch inspirierter Versuch einer Selbstvergewisserung verstehen – aus durchaus nostalgischer Exil-Perspektive.

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