Kinolegende : Peter Bogdanovich: Der Kinomane

Zwischen seinem zwölften und dreißigsten Geburtstag hat er nach eigener Zählung 4984 Filme gesehen und dazu auf Karteikarten kleine Kritiken geschrieben. Genie des New Hollywood: Peter Bogdanovich wird 70.

Christian Schröder
Bogdanovich
Peter Bogdanovich -Foto: dpa

Das Kino heißt „Royal“, es ist ein schäbiges Eckhaus, aus dem auch ein paar Neonröhren keinen Filmpalast machen. Gespielt werden Filme mit John Wayne, Liz Taylor und Spencer Tracy, aber die Highschool-Jugendlichen kommen vor allem, um in der letzten Reihe zu knutschen. Nachher fahren sie in ihren Chevys und Pick-ups noch zum Petting an den Fluss. Dabei wird der Büstenhalter trophäengleich an den Rückspiegel gehängt, doch der Spaß endet, wenn die Finger des Jungen die Unterhose des Mädchens erreichen. In einer texanischen Kleinstadt der frühen fünfziger Jahre herrschen strenge moralische Konventionen. Der Siegeszug des Rock ’n’ Roll hat noch nicht begonnen, aus dem Radio schnarrt „Blue Velvet“ und „Hey Good Lookin’“ von Hank Williams. Am Ende muss das Kino dichtmachen, alle haben jetzt einen Fernseher. In der letzten Vorstellung läuft „Red River“, der Western von Howard Hawks. „Nicht schlecht“, sagt Jeff Bridges. Am nächsten Morgen fährt er in den Koreakrieg.

„The Last Picture Show“ ist einer der schönsten Filme über das Erwachsenwerden und über das Kino selbst. Peter Bogdanovich drehte ihn 1971, gegen den anfänglichen Widerstand des Studios, in Schwarz- Weiß, als Hommage an das klassische Hollywood. Mit der Komödie „Is’ was, Doc?“ und dem Depressions-Drama „Paper Moon“ gelangen ihm gleich danach zwei weitere Erfolge. Bogdanovich wurde als Genie des „New Hollywood“ gefeiert, dabei war er Traditionalist. Seine Hausgötter heißen Howard Hawks, John Ford, Orson Welles und Fritz Lang, mit ihnen und vielen weiteren Veteranen der großen Studio-Ära hatte er Interviews geführt, bevor er selber zu drehen begann. Bogdanovich, der heute vor siebzig Jahren in New York geboren wurde, ist ein Kinomane. Zwischen seinem zwölften und dreißigsten Geburtstag hat er nach eigener Zählung 4984 Filme gesehen und dazu auf Karteikarten kleine Kritiken geschrieben.

Der Billigfilm-Mogul Roger Corman ließ den Cineasten 1968 seinen ersten Film inszenieren, den Scharfschützen-Thriller „Bewegliche Ziele“, der in einem Autokino spielt. Mit seinen frühen Filmen, die perfekt waren, ohne epigonal zu wirken, hatte der Regisseur ein Versprechen gegeben, das er später nicht eingehalten hat. Das lag auch an persönlichen Tragödien. Die Ermordung seiner Geliebten Dorothy Stratten stürzte ihn 1980 in eine tiefe Krise. Inzwischen kennt man Bogdanovich vor allem als Schauspieler. In der Fernsehserie „Die Sopranos“ spielte er den neurotischen Psychiater Dr. Elliot Kupferberg. Aber er steht auch wieder hinter der Kamera. Gerade entsteht „The Broken Code“, ein Biopic über die DNA-Entschlüsslerin Rosalind Franklin. 

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