Kinostart : "The Man from London"

Die Vorlage für "The Man from London" ist ein Kriminalroman von Georges Simenon. Schwer zu sagen, wie Simenon über die spezifischen Spannungsbögen in Filmen des Ungarn Béla Tarr gedacht hätte. Jedenfalls sollte man einen Tarr-Film sehen wie ein Kriminalkommissar.

Kerstin Decker

Kritiker zitieren grundsätzlich nicht andere Kritiker, aber es gibt Ausnahmen. Denn manches kann man so treffend einfach nicht ausdrücken: „Natürlich ist dies Kunstkacke, aber saugute“, sprach der Kinosachverständige eines Berliner Stadtmagazins. Genauso ist es. Und es ist im Grunde schon alles, was man über den neuen Film des Ungarn Béla Tarr wissen muss, um augenblicklich zu beschließen: Das darf ich nicht verpassen!

Die Vorlage für „The Man from London“ ist ein Kriminalroman von Georges Simenon. Schwer zu sagen, wie Simenon über die spezifischen Spannungsbögen in Tarr-Filmen gedacht hätte. Jedenfalls sollte man einen Tarr-Film sehen wie ein Kriminalkommissar. Jeder Kriminalkommissar weiß: Meistens geschieht – wie in einem Tarr-Film – gar nichts, aber das darf mich nicht irritieren. Es kommt darauf an, mitten im nothing happens kein Detail zu verpassen. Und sich nicht von falschen Fährten ablenken zu lassen.

Am Anfang ist gefühlte zehn Minuten lang ein Schiffsbug zu sehen, die eine Seite grell im Licht, die andere im Schatten. Dann verlassen die Passagiere das Schiff, einer nach dem anderen, ganz langsam. Und nie sind zwei zugleich auf der Brücke. So geht doch kein Mensch von Bord! Und man ertappt sich dabei, die erste Hälfte des oben zitierten Satzes zu denken. Aber trotzdem: Nie wird man künftig vergessen, wie bei Béla Tarr Menschen ein Schiff verlassen.

Nichts interessiert den Regisseur und seinen Kameramann Fred Kelemen weniger als ein Krimi. Für alle mit dem „Tatort“ sozialisierten Freunde des Kriminalfilms ist „The Man from London“ verlorene Zeit. Den anderen aber widerfährt, was immer bei Tarrs Filmen geschieht – ob bei „Werckmeister Harmóniák“ oder „Satanstango“: Man wird hineingesogen in eine andere Zeitrechnung. Nein, gar keine Rechnung mehr: Zeit wird Raum. Wir sehen sie beinahe von innen, meinen, ihre Wände berühren zu können. Irgendwann wird der Zeit-Raum sich schmerzhaft-schön zusammenziehen, das sind dann die magischen Tarr-Augenblicke.

Nachher glaubt man wieder etwas mehr von unserem In-der-Welt-Sein verstanden zu haben. Davon, wie Menschen sich dagegen wehren, dass ihr Dasein einfach so zerfällt wie diese triste kleine nordfranzösische Hafenstadt, in der es schon ein Ereignis ist, wenn die kleine Fähre über den Kanal kommt.

Tarrs Film ist ein Balanceakt auf dem Rand dieser Erfahrung. Dem Hafenarbeiter und Weichensteller Maloin (Miroslav Krobot) geht eine Welt auf – in seinen Zügen liest man minimalste Beben, fast nicht erfassbar auf der Richterskala der Regungen, Kelemens Hochpräzisionsinstrument registriert sie trotzdem. Auch die wunderbare Tilda Swinton als verhärmte Frau Maloin spürt, dass etwas anders geworden ist und hat dafür nur eine Erklärung: Ihr Mann, der Versager, ist endgültig verrückt geworden. Aber Maloin hat einen Koffer voller Geld, noch weiß es keiner, er selbst versucht sich langsam an den Gedanken gewöhnen und es ist großartig, ihm dabei zuzusehen.

Ja, und dann kommt der alte Londoner Kommissar Morrison (István Lénárt) über den Kanal. Ein Koffer muss hier verschwunden sein, sein Klient hätte ihn gern wieder zurück. Kerstin Decker

fsk und Hackesche Höfe (beide OmU)

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