Kinostarts : Ricky: Flügel haben kurze Beine

Ein Traum, ein tonnenschwerer: François Ozons Sozialfantasie "Ricky" bleibt am Boden. Der Film beginnt wie eine normale Mutter-Kind-Geschichte und endet furchtbar albern.

Kerstin Decker

Es beginnt wie eine ganz normale Mutter-Kind-Geschichte, oder nein, wie eine in ihrer Alltäglichkeit ganz besondere Mutter-Kind-Geschichte. Aber normal ist sie dennoch, vor allem, weil der Dritte fehlt, der Vater des Mädchens.

Das noch immer schöne Gesicht der Frau (Alexandra Lamy) zeigt deutliche Spuren der Müdigkeit. Lohnt es wirklich, morgens aufzustehen, nur um in den immer gleichen Alltag, die immer gleiche Fabrik, den immer gleichen Feierabend – das immer gleiche Leben – zurückzukehren? Wahrscheinlich würde Katie eines Morgens einfach liegen bleiben, das wäre dann nicht Verweigerung, nur Realismus. Aber die kleine Tochter tritt an das Bett ihrer Mutter und schüttelt sie in den nächsten Tag. So wie sie das macht, macht sie es nicht zum ersten Mal: Um Erwachsene muss man sich kümmern, die meisten Dinge schaffen sie nicht allein. Wenn Kinder ihre Eltern wecken müssen, ist das bestürzend. Und doch ist Katie keine schlechte Mutter, im Gegenteil.

François Ozon, der Meister des immer wieder besonderen, immer wieder ganz anderen und doch verwandten Films, macht diese kleine Welt ganz groß. Denn zwei Menschen, das ist schon eine Welt. Ozon macht vor allem das Alltägliche ganz groß: Gut, dass es Glück gibt, das man nicht erwarten kann, wie die tägliche Fahrt der beiden auf dem Motorroller zur Schule, zur Arbeit und wieder zurück. Dieses ganze stille, schöne MutterTochter-Einverständnis.

Doch war das alles wohl nur ein Versehen. Denn es ist nur Vorbereitung auf etwas ganz anderes, auf das, was Ozon eigentlich erzählen will. Und das steht in einer Kurzgeschichte von Rose Tremains. Und es kommt einem vor, als verrate Ozon seinen eigenen Film.

Natürlich erwartet man die Erschütterung dieser Kleinwelt. Es genügt ja, dass ein Dritter sie betritt: Paco (Sergi Lopez) mit seinem Französisch, das Katie manchmal sehr spanisch vorkommt. Obwohl sie anfangs gar nicht viel reden: eine Zigarette in der Arbeitspause und in der nächsten kurzer Sex in der Fabriktoilette. Solche Höhepunkte hat Katies Tag schon lange nicht mehr gehabt. Und selbst wer nicht glauben mag, dass Fabrikarbeiterinnen ihre Arbeitspausen mit fremden Männern auf der Toilette verbringen – so wie Ozon es zeigt, wie Alexandra Lamy und Sergi Lopez das zeigen, ist nichts folgerichtiger als das.

Katie bekommt ein Baby, das Baby hat bald seltsame Stellen auf dem Rücken. Misshandelt etwa der schnell überforderte Vater das Kind? Oder ist es das Mädchen, das jetzt Schwester geworden ist und sich plötzlich am Rand der Welt wiederfindet, deren Mittelpunkt es bis eben war? Den Namen Ricky hat sie auch ausgesucht. Sie fand ihn hässlich genug. Ein Name als Rache.

Es gibt eine sehr lustige, überraschende Stelle in diesem Film, und Kritiker, die solche Sachen verraten, sind gefährlich. Es existiert dafür nur eine Entschuldigung: Ärger! Ärger über den ganzen Rest von „Ricky“ – über den Hauptfilm also. Denn weder Vater noch Halbschwester sind schuld: Ricky bekommt Flügel! Kleine federlose Hühnerflügel zuerst. Die zum ersten Mal zu sehen, ist lustig. Ricky zum ersten Mal fliegen zu sehen auch. Wer wissen will, wie ein Baby mit Flügeln aussieht, sollte diesen Film keinesfalls verpassen. Natürlich ist es auch schwer, mit einem geflügelten Baby einkaufen zu gehen. Kinder, die laufen lernen, fallen hin, aber Kinder, die fliegen lernen, fliegen gegen Lampen, Fenster und Milchregale. Und wer holt sie wieder runter? Die Polizei.

Das alles ist bald nur noch eins: furchtbar albern. Und plötzlich stimmt gar nichts mehr. Ricky wird ein Medienstar, seine Mutter lässt ihn inmitten von Kameras und Presseleuten aufsteigen wie einen Luftballon, aber das Band reißt. Und niemand von diesen Leuten, die sich schon von Berufs wegen nichts entgehen lassen, versucht dem fliegenden Kleinkind auf der Spur zu bleiben. Als Traum wäre das alles möglich, aber dafür fehlt der Geschichte der Aberwitz. So träumt niemand. Seit Ricky fliegen kann, klebt Ozons Film tonnenschwer am Boden.

Natürlich kennen wir Kleinkinder mit Flügeln. Als Engel. Engel sind Mittlerwesen, sie sind geschlechtslos, unsterblich, nicht schuldfähig. Genau wie kleine Kinder. Vielleicht kann man nur über Engel und Kinder keine Trashfilme machen.

Cinemaxx Potsdamer Plat, Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, Passage, OmU Cinema Paris und Hackesche Höfe


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