''Kirschblüten'' : Abschied und Willkommen

Von Bayern über Berlin nach Japan: Doris Dörries transzendentes Roadmovie "Kirschblüten" bietet einen Cocktail der Welten und Gefühle.

Jan Schulz-Ojala
Kirschblueten
Unzertrennlich. Rudi (Elmar Wepper) und Trudi (Hannelore Elsner) -Foto: majestic

Von der Berlinale ist Doris Dörries „Kirschblüten“ vor allem eine Art Mitleidseffekt verblieben. Nicht nur, dass der einzige rundum deutsche Film im Wettbewerb von der auf grelle Politeffekte fixierten Jury schnöde übersehen wurde. Vor allem schmerzte, dass Hauptdarsteller Elmar Wepper sich dem Iraner Reza Naji aus Majid Majidis nicht sonderlich eindrücklichem Kinderfilm „Song of Sparrows" geschlagen geben musste. Dabei war es doch Wepper gewesen, der als sensibel trauernder Witwer in Japan allseits die Herzen bewegt hatte – completely lost in translation, aber immer in der Wärme eines anrührungsbereiten Publikums aufgehoben.

Tatsächlich ist Dörrie mit jener letzten Episode ihres Films sehr gefühlsumwogtes Kino gelungen – und das Kunststück, Situationen als würdevoll erscheinen zu lassen, die in anderem Zusammenhang bloß absonderlich, ja lächerlich wären. Witwer Rudi betrunken und mit ratlos leerem Blick im Tokioter Stripclub, allen irdischen Verführungen abhold; Witwer Rudi in aller Öffentlichkeit mit den Altfrauenkleidern der Verstorbenen unterm offenen Mantel – und schließlich von einer jungen Butoh-Tänzerin sorgsam in jene Tanzbewegungen eingewiesen, von denen Trudi immer geträumt hatte. Zeitlebens wollte sie Butoh-Tänzerin werden und dafür nach Japan reisen, wofür er kein Ohr und kein Herz hatte, und nun schenkt er ihr, selber todkrank, die nachgetragene Reue.

Derlei schöne Gedanken an eine Vereinigung zweier Seelen über den Tod hinaus überstrahlen den Film, und sie tun es so massiv, dass der Weg dorthin im Augenblick des transzendenten Glücks fast vergessen scheint. Ja, sie erdrücken die ganze Vorgeschichte – oder sollte man sagen, die drei Filme, aus denen „Kirschblüten“ besteht? Tatsächlich entwickelt Dörrie für die Etappen ihres Roadmovies von Bayern über Berlin und die Ostsee bis nach Japan Perspektiven verwirrend unterschiedlicher Distanz. Das alte Angestelltenpaar betrachtet sie – in seiner Heimat Bayern und an der Ostsee – mit sanft ironischer Zärtlichkeit. Das Milieu der erwachsenen Kinder in Berlin ist mit unverhohlenem Sarkasmus gezeichnet. Für die Trauerarbeit des Witwers schließlich in Japan reserviert die Regisseurin pure Verklärung.

Die mangelnde Kohärenz dieses Gefühlscocktails ist es, die „Kirschblüten“ als Ganzes schwer genießbar macht. Mag der biedermeierlich behäbige Blick auf das in Jahrzehnten freundlich aneinander versteinerte Kleinstadtpaar noch angehen, grenzt der Kontrast zwischen den Alten und ihren bösen Nachgeborenen mitunter an Kolportage.

In Berlin, wohin das grundgütige Paar zunächst zur diskreten Lebensabschiedsreise aufbricht, erwartet es nur Feindseligkeit: Die erwachsenen Kinder Klaus (Felix Eitner) und Karolin (Birgit Minichmayr), überlastete und durchgängig mies gelaunte Zyniker, schieben die Eltern lustlos hin und her. Während Klaus’ Familie samt Gameboy-Kids als Zombie-Hölle geschildert wird, darf sich Karolins Lebenspartnerin Franzi (Nadja Uhl) penetrant als einzig gutherzige Seele aus der Folgegeneration profilieren. Sohn Karl (Maximilian Brückner) in Tokio, wohin Rudi nach Trudis plötzlichem Tod weiterreist, macht seine Sache auch nicht besser: ein entfremdetes, einsames Würstchen, das den Vater in seiner Mini-Wohnung kaum erträgt.

Ganz aufs verkürzte Klischee bringt Regisseurin und Autorin Doris Dörrie hier die Fremdheit zwischen den Generationen; die auch als Kinostoff bedenkenswerte Frage, ob Kinder heute aus wachsendem gesellschaftlichem Druck oder doch infolge subtiler Elternschuld zu derlei egoistischen Dumpfbacken heranreifen, interessiert sie kaum. Stattdessen versimpelt der in raumgreifenden Szenen entwickelte Blick auf das Familienkühlklima bald auch jenen Höhepunkt, dem der Film sehr gemächlich entgegentreibt: die geträumte Wiedervereinigung des tanzendes Paares (Wepper mit der einmal mehr ätherischen Hannelore Elsner) vor dem Panorama des Fujiyama.

Zu dürftig kausal verknüpft stehen in „Kirschblüten“ die Welten gegeneinander: hier das eisige Urteil über die Finsterlinge, die mitten im Leben stehen, dort die durch nichts zu erschütternde Lebensabendgloriole um das Elternpaar. Man muss schon springen, um diese Widersprüche einzutrüben – zur Not in den immer wieder schönen Edelkitsch.

Adria, Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmpalast, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Yorck

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