Klaus Kinski : "Der Heiland liebt dich, du Sau"

Große Momente der Publikumsbeschimpfung: Der Dokumentarfilm "Kinski – Jesus Christus Erlöser" ist ein faszinierendes Zeitdokument.

Christian Schröder
Kinski
In eigener Mission. Klaus Kinski 1971 in Berlin. -Foto: Salzgeber

Es begab sich aber zu der Zeit, als die Haare lang waren und die Kleider bunt, dass sich 5000 Menschen in der Berliner Deutschlandhalle versammelten. Sie waren zusammengekommen, um sich die „erregendste Geschichte der Menschheit“ erzählen zu lassen. Vorne auf der Bühne stand ein Mann, dessen Haare noch etwas länger und Kleider noch etwas bunter waren. Er wollte in seinen eigenen Worten von dem „furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen“ berichten, „der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen“. Gemeint war Jesus Christus, und so sollte von diesem Abend eine Botschaft der Liebe und des Friedens ausgehen. Doch es wurde eine höchst unheilige Nacht, die mit Tumulten, Beschimpfungen, Rangeleien und einem Polizeieinsatz endete.

Dieser 20. November 1971, an dem Klaus Kinski mit seinem Berliner Auftritt eine Welttournee seiner Ein-Mann-Show „Jesus Christus Erlöser“ beginnen wollte, ist als Datum eines grandiosen Scheiterns in die jüngere deutsche Kulturgeschichte eingegangen. Auf den ersten Seiten seiner Autobiographie „Ich brauche Liebe“ hat Kinski den Zuschauern, die ihn damals auspfiffen, noch einige Schmähungen hinterhergeworfen: „Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben.“ Für den Nachruhm des desaströsen Happenings sorgte aber vor allem Werner Herzog, der sein Kinski-Psychogramm „Mein liebster Feind“ mit Bildern des völlig aus dem Ruder laufenden Abends beginnen ließ.

Nun liefert Peter Geyer mit seinem Dokumentarfilm „Kinski – Jesus Christus Erlöser“ gewissermaßen die Langfassung von Herzogs Schnipseln nach. Die Performance in der Deutschlandhalle war von mehreren Kameras aufgezeichnet worden, weil aber niemand damit gerechnet hatte, dass sie immer wieder unterbrochen werden und erst weit nach Mitternacht enden würde, hatten die Filmrollen nicht gereicht. Geyer, Kinskis Nachlassverwalter und Autor einer Biographie über ihn, hat das vorhandene Bild- und Tonmaterial chronologisch arrangiert, mit wenigen Einblendungen von Kinski-Zitaten angereichert und mit sparsamer Musik unterlegt. Sein Film ist das faszinierende Dokument einer Zeit, die mindestens genauso irre war, wie man es dem exzentrischen Schauspieler immer wieder nachgesagt hat.

Am Anfang strömen die Zuschauer, unterlegt von sphärischen Klängen, in den Saal, man sieht ernst blickende Hippies mit seltsamen Bärten, schwarz gekleidete Spät-Existenzialisten, knapp dekolletierte Blondinen im Minikleid. Eigentlich hatte sich Kinski von der Krautrockband „Ihre Kinder“ begleiten lassen wollen, doch bei den wochenlangen Proben in einer Schwabinger Discothek war es zum Zerwürfnis gekommen. Jetzt steht er ganz allein im weißen Scheinwerferkegel, für die Rolle des Blumenkindes, als das er sich mit Indienhemd und lilafarbener Samthose kostümiert hat, ist er mit seinen 45 Jahren bereits deutlich zu alt.

Der Heiland, von dem Kinski spricht, ist weniger Gott als Revolutionär, sein Platz ist nicht in einer Kirche, sondern bei den Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt. „Gesucht wird Jesus Christus, Beruf: Arbeiter, Wohnort: unbekannt“, mit diesem Steckbrief beginnt Kinskis Vortrag. „Er hat keine Religion, er gehört keiner Partei an. Der Gesuchte ist angeklagt wegen Diebstahl, Verführung Minderjähriger, Gotteslästerung, Beleidigung von Obrigkeiten.“ Doch schon nach wenigen Minuten wird Kinski von Zwischenrufen („Der hat doch schon seine Millionen vom Film“, „Kaviarfresser“) gestört. Erst wirft er wütende Blicke, dann pöbelt er zurück („Halt die Schnauze, damit Du hörst, was ich sage“), und als dann plötzlich ein junger Mann mit Oberlippenbart neben ihm steht, um ihn zu belehren, Jesus sei „duldsam“ gewesen, fährt er völlig aus der Haut. „Er hätte eine Peitsche genommen und Dir in die Fresse geschlagen, das hätte er gemacht, Du dumme Sau“, brüllt er, schleudert das Mikrofon auf den Boden und stapft davon. Grandiose Momente der Publikumsbeschimpfung.

Warum der Großcholeriker Kinski sich ausgerechnet den Versöhner und Friedensstifter Jesus als Leitfigur auserkoren hat, bleibt genauso rätselhaft wie die Frage, wieso viele Zuschauer überhaupt Karten für eine Veranstaltung gekauft haben, der sie gar nicht zuhören wollen.

Der Film zeigt den immer weiter ins Chaos abgleitenden Abend als Duell zwischen dem Künstler und seinem Publikum. Kinski stemmt sich dem Getöse entgegen, angespannt und reglos fast steht er hinter dem Mikrofonständer, nur seine Augen rollen, die einzige Waffe ist seine Stimme, die ihren Text flüstert, keucht und bellt. Immer wieder setzt er mit seiner Litanei von vorne an, immer wieder muss er abbrechen. Am Ende bleibt er Sieger nach Punkten. Sichtlich erschöpft kann er nach fünf Stunden auf der Hinterbühne, wo nun noch die letzten 100, 200 Zuhörer an seinen Lippen hängen, den Monolog zu Ende sprechen.

Klaus Kinski hat sich gerne zum selbstlosen Kunst-Messias stilisiert. Den Vertrag für eine Welttournee will er nach dem Desaster in der Deutschlandhalle zerrissen haben, weil „mich das das Geld nicht mehr interessierte“. In Wirklichkeit ist er mit dem „Jesus Christus Erlöser“-Programm noch – übrigens ungestört – in Düsseldorf aufgetreten. Danach war der Veranstalter, der ihm eine Million Mark zahlen wollte, pleite.

In Berlin in den Kinos Cinema Paris, Eiszeit, International.

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