Komödie : Den weißen Kragen an den Kragen

Rache ist cool: Die anarchistische Unterschichten-Komödie „Louise Hires a Contract Killer“ ist die etwas radikalere Antwort auf die Finanzkrise.

Philipp Lichterbeck

Ein namenloses Städtchen im trostlosen Norden Frankreichs. Elf Näherinnen sitzen in der Kneipe. Alle sind arbeitslos, ihre Firma ist über Nacht mitsamt den Maschinen verschwunden. Was nun anfangen mit den 2000 Euro Abfindung? Zusammenlegen und eine Pizzeria eröffnen? Einen Kalender mit Nacktfotos publizieren? „Wir könnten den Chef umlegen lassen“, meint Louise, die Alkoholikerin mit den strähnigen Haaren. Also engagiert man den Auftragsmörder Michel. Der verliert zunächst mal seine Pistole und sieht auch gar nicht wie ein Profikiller aus. Aber immerhin hat er schon Kennedy erledigt. Sagt er zumindest.

Michel macht den Job dann auch recht gut. Selbst wenn seine krebskranke Kusine, die er für den Job anheuert, mit dem Fabrikdirektor nicht ganz den Richtigen erwischt. Die wahren Entscheider, so müssen die Arbeiterinnen lernen, sitzen im globalisierten Kapitalismus nämlich immer woanders. Die Jagd auf Manager und CEOs beginnt, wobei der empfindsame Michel zusehends Schützenhilfe von der resoluten Louise benötigt.

Wenn Arbeitslosenfilme etwas über nationale Eigenarten erzählen, dann vielleicht dies: Die Engländer strippen („Ganz oder gar nicht“), die Spanier werden melancholisch („Montags in der Sonne“) und die Deutschen reagieren brachial („Die Könige der Nutzholzgewinnung“). Im Franzosen bzw. der Französin schlummert jedoch immer noch ein Rest revolutionären Zorns: Man will Köpfe rollen sehen. Wie kämpferisch die französischen Arbeiter sind, zeigten sie erst unlängst wieder, als sie Chefs bedrohter Fabriken als Geiseln nahmen. „Chefnapping“ nannte man die Übung. „Louise Hires a Contract Killer“ ist nun die etwas radikalere Antwort auf die Finanzkrise. Kompromisslos, politisch voll daneben, der Albtraum Guido Westerwelles.

Michel (Bouli Lanners) und Louise (Yolande Moreau) machen sich also auf zur Konzernzentrale nach Brüssel. Zunächst scheint dort alles zu scheitern, denn nach dem Besuch einer Schwulenbar kommt ans Licht: Louise hieß einst Jean-Pierre und Michel war mal Cathy. Beide fühlen sich vom anderen hinters Licht geführt.

Bonnie und Clyde waren sexy und tragisch, die Natural Born Killers stilsicher und hirnlos. Michel und Louise sind transsexuell, ungepflegt und ohne Hoffnung. Und das zärtlichste Killerpärchen der Filmgeschichte. Denn ihr Antrieb ist nicht die Sucht nach Aufmerksamkeit und Ruhm, sondern das Verlangen nach Gerechtigkeit. Und die Angst vorm nackten Elend: „Kaffeesatz trinken, Zigarettenstummel rauchen, Ratten jagen. Nennst du so was Leben?“, brüllt Louise einmal Michel an. „Sei wenigstens einmal in deinem Leben ein Mann. Arschloch!“

Es sind diese trockenen Pointen, von denen der Film nur so strotzt. Und wie eine gute Folge der „Simpsons“ steckt er voller Anspielungen. Man fährt also in einem Flüchtlingskutter auf die Steuerhinterziehungsoase Jersey, den Sitz unzähliger Briefkastenfirmen. Dort wird ein Rentenfondsmanager samt Hausangestellten erschossen. Er ist das letzte Glied in der Konzernhierarchie. Vorerst jedenfalls.

Den Regisseuren Gustave Kervern und Benoît Delépine ist etwas höchst Seltenes gelungen: Sie überdrehen ein ernstes Thema so vollkommen, dass sein Kern wieder sichtbar wird. Alles ist so unwahrscheinlich und auch die kleinste Nebenrolle so schrullig gestaltet, dass man dem Film alles abnimmt. Dabei ist er so ruhig und lakonisch fotografiert, so trocken und gelassen vorgetragen, so ohne Hysterie gespielt, dass man wünscht, die Reise würde nicht schon nach 90 Minuten ins Gefängnis führen. Obwohl auch da wieder alles ganz, ganz anders kommt.

Im Original heißt der Film übrigens „Louise-Michel“ – nach einer legendären französischen Anarchistin des 19. Jahrhunderts. Über die Reichen dichtete sie: „Doch wenn wir groß sind, später, machen wir sie zu Hackepeter.“ Tatsächlich ist dieser Film eine Drohung im Gewand der Komödie. Selbst für den Abspann hat man sich noch etwas einfallen lassen. Also unbedingt sitzen bleiben.

FT am Friedrichshain, Moviemento, Neue Kant-Kinos, Yorck, Central (OmU)

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