Komödie : Gestatten, Schneider, Pflegestufe 3

Leander Haußmanns "Dinosaurier" lässt trotz eines handverlesenes Ensemble nicht so recht Freude aufkommen.

Christian Schröder
Haussmann
Ezard Haußmann -Foto: Constatntin

Eine gute Verwechslungskomödie muss – goldene Regel des Boulevardtheaters – auch ihre Zuschauer verwirren. Schnelligkeit ist wichtiger als Plausibilität. Eigentlich müsste Leander Haußmann, der als Theaterregisseur begann, diese Gesetze kennen. Mit der Kunst, Alltagssituationen ins Groteske eskalieren zu lassen, hat er selbst aus mittelmäßigen Buchvorlagen wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ oder „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ vergnügliche Kinokomödien gemacht. In „Dinosaurier“, für den er gerade den Ernst-Lubitsch-Preis zugesprochen bekam, ist von diesem anarchischen Zauber bis auf Spurenelemente nichts übrig.

Der Klamotte, einem Remake von Bernhard Sinkels Debüt „Lina Braake“ (1975), fehlt vor allem Tempo. Lina heißt hier Lena (Eva-Maria Hagen), sie wird von einem betrügerischen Bankberater (Daniel Brühl) um ihr Häuschen gebracht und nimmt, wie in der Vorlage, mit einer vom Altersheimcasanova Johann (Ezard Haußmann, der 74-jährige Vater des Regisseurs) angeführten Alzheimergang den Kampf gegen die bösen Kapitalisten auf. Als die Rentnerrebellen versuchen, einen Kredit im sechsstelligen Eurobereich zu erschleichen, fällt der vermeintliche Chefinvestor (Walter Giller) in ein Diabeteskoma, trinkt eine Blumenvase leer, beißt in einen hölzernen Dekorapfel und bricht sich darin sein Gebiss kaputt. Die Szene im Vorzimmer und Büro des Bankdirektors schreit förmlich nach einer rasanten Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie. Stattdessen gibt es minutenlang dahinplänkelnde Dialoge und hilfloses Gebissgefuchtel.

Das Witzigste an „Dinosaurier“ ist noch die schlimme Minipli-Kunstlockenfrisur von Daniel Brühl, der es sichtlich genießt, aus seiner Standardrolle des Sympathen ausbrechen und richtig fies sein zu können. Welch komisches Potenzial rüstige Darsteller in kriminellen Rollen entfalten können, hatte im Jahr 2000 der Film „Jetzt oder nie“ vorexerziert, in dem ein Rentnerinnentrio Banküberfälle beging, um seine Reisekasse aufzubessern. Auch Haußmann verfügt über ein handverlesenes Ensemble, zu dem mit Walter Giller (82), Nadja Tiller (80), Ralf Wolter (83) und Ingrid van Bergen (78) auch einige Urgesteine des deutschen Nachkriegskinos gehören. Die herausragende Tiller kokettiert als immer noch verführerische Altersheimvenus mit ihrem Sexbombenimage aus Filmen wie „Das Mädchen Rosemarie“.

Das Altersheim, eine heruntergekommene Gründerzeitvilla, firmiert als „Hotel zur untergehenden Sonne“, wo sich die Bewohner einander mit „Schneider, Pflegestufe drei“ vorstellen. Leander Haußmann tritt selber in einer kleinen Rolle als gestresster Manager auf, der seinem eigenen Vater einen Riesenplüschteddy schenken und ihm dafür die Unterschrift unter eine Entmündigungsurkunde abluchsen will. Sein Humor war noch nie sonderlich subtil, aber diesmal scheut er nicht einmal vor übelsten Zoten, Slapstickeinlagen mit ausgeschütteten Urinflaschen und den abgehangensten Alzheimerkalauern zurück.

Die Darsteller in „Dinosaurier“ wirken erstaunlich jugendlich. Wirklich alt sind nur die Witze.

In 19 Berliner Kinos

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