Kriegsheimkehrfilm : Brothers: Leben nach dem Sterben

Starkes Remake: Jim Sheridans Kriegsheimkehrerfilm "Brothers" stellt den Sonderfall eines Kriegsfilms dar.

von
Traumatisiert. Grace (Natalie Portman) und ihr aus Afghanistan zurückgekehrter Ehemann Sam (Tobey Maguire). Foto: Koch Media
Traumatisiert. Grace (Natalie Portman) und ihr aus Afghanistan zurückgekehrter Ehemann Sam (Tobey Maguire). Foto: Koch Media

Der unverwandte Blick eines Sees, dann der eines Auges, und beide wollen uns auf ihren Grund ziehen. Dazu eine Musik, deren Töne beinahe auseinanderfallen. So kann die Geschichte beginnen. Man kann sie aber auch so anfangen: Gitarrenakkorde, dann das Klirren beim Aufziehen einer Fahne, unter der sich die Verteidiger des Landes sammeln. Fahnen sollen aus Wankelmütigen Einmütige machen, Gleichmütige auch, Gleichmutige. Und doch klingt nichts fremder, verlorener als das Klirren der Fahnen.

Minuten nur, und sie deuten auf den Unterschied beider Filme: die mehr metaphysische Neigung des einen, die größere Lakonie des anderen. Aber das täuscht, und es ist längst nicht alles. Jim Sheridan hat „Brødre“ (2004) der Dänin Susanne Bier noch einmal gedreht. Es ist eine Brüder- und eine Kriegsheimkehrergeschichte. Die Frage lautet: Wie kommt man aus einem Krieg – in beiden Fällen ist es Afghanistan – nach Hause? Und wer ist es, der da zurückkommt?

Die Wiedergänger unter den Filmen nennt man Remakes. Meist handelt es sich dabei um Untote. Tatsächlich scheint die Stärke des Originals Sheridan derart gelähmt zu haben, dass er bald darauf verzichtet, die Szenen anders zu beginnen, anders aufzulösen als Susanne Bier. Original und Kopie bleiben immer in Sicht- und Rufweite. Das ist vollends lebensmüde oder aber eine besonders eigenwillige Form von Tollkühnheit.

Mehr Ehre kann man einem Vorgänger nicht erweisen, abgesehen davon, dass man ihn verdoppelt. Doch bei aller aberwitzigen Nähe geschieht das Unglaubliche: Es wird ein anderer Film daraus, mit eigenen, mitunter gar stärkeren Akzenten, mit eigener Präzision. Durch die Kopie zum Original! Oder sagen wir: Es gibt fortan zwei Originale.

Zwei Brüder also, Amerikaner nun statt Dänen. Ein Gewinner namens Sam (Tobey Maguire) und der Versager Tommy (Jake Gyllenhaal). Vielleicht beginnt Sheridans Weg zum Zweitoriginal damit, dass beide einander sehr ähnlich sehen, während bei Susanne Bier dem älteren, dem Erfolgsbruder, die größere Lebenstauglichkeit schon ins Gesicht geschrieben stand. Jede Linie darin war Erfahrung, Bewährung, Standgehaltenhaben. Bei Sheridan behält auch noch Maguires Captain Sam jungenhafte Züge. Da ist nichts fertig beschriftet, auch wenn der Lieblingssohn des Vietnamveteranen Hank (Sam Shepard) schon dreimal in Afghanistan war. Das Fahnenklirren des Anfangs kündigte nur den vierten Einsatz an. Und der endet abrupt: Sams Helikopter wird abgeschossen, alle Insassen werden für tot erklärt.

„Brothers“ stellt auch insofern den Sonderfall eines Kriegsfilms dar, als er hauptsächlich zu Hause spielt, gar auf den Gesichtern der Hinterbliebenen. Da ist Natalie Portmans jäh wissender Blick in der Badewanne, in dem Augenblick, als ihre Töchter in der Tür stehen: Da seien zwei Männer in Uniform draußen!

Das endgültige Totsein der Toten beginnt vielleicht dann, wenn die Leerräume, die sie zurücklassen, wieder gefüllt sind. Sam bleibt diese Erfahrung nicht erspart. Er kommt zurück – nicht direkt von den Toten, vielmehr befreit aus der Gefangenschaft der Taliban. Sheridan und Bier inszenieren das gleichermaßen beeindruckend als Rückkehr eines schon Gestorbenen. Der Krieg gibt Menschen oft nicht anders wieder her.

Es geht nicht um Erniedrigung vor dem Feind. Es geht, die Taliban wissen es, um die Erniedrigung des Menschen vor sich selbst – so weit, dass er weder sich noch anderen Normallebendigen je wieder begegnen kann. Diese Szene ist die Herzkammer beider Filme, sie ist bei Sheridan vielleicht noch bezwingender. Sie zeigt, dass es am Ende nur ein physikalischer Mechanismus ist, nur noch das Nachgeben gegenüber einem übergroßen Druck, der einen das Undenkbare tun lässt: einen Kameraden hinzurichten.

Wenn einer so wiederkommt, kann er dann noch etwas anderes weitergeben als die eigene Zerstörung, den immer wieder aufsteigenden unerträglichen Druck? In Susanne Biers „Brødre“ waren die Töchter auf eine etwas allgemeine Art Kinder, hier werden sie zu Hochpräzisionsspiegeln der Erwachsenenwelt. Nur über ihr zweites Erwachsenwerden ist noch nicht entschieden.

Babylon Kreuzberg und Central (beide OmU), Cinemaxx, Cinestar Sony Center (OV), Colosseum, Kurbel

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben