Kritik : Ein Kindermädchen verschwindet

Freier Blick aus einem unfreien Land: „Elly ...“ des Iraners Asghar Farhadi ist ein Beinahe-Kammerspiel mit einem verwirrenden Beziehungsgeflecht.

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Auf Distanz. Elly
Auf Distanz. Elly

Ein Beginn im Fastdunkel. Dann bricht zum näherkommenden Licht vom Ende des Tunnels Jubelgeschrei aus drei vollbepackten Limousinen. Draußen, hinterm Gebirge, grüßt mit Zelten bunt betupfte Grünidylle, eine sonnige Urlaubslandschaft am Kaspischen Meer.

In einem Hain packt die Gruppe ehemaliger Studienfreunde aus Teheran ihr Picknick aus, acht Erwachsene und drei Kinder wollen einen Dreitageurlaub an der See verbringen. Nicht nur BMW und Nissan Patrol lassen auf materiellen Wohlstand schließen, das Basecap überm Kopftuch signalisiert modische Präsenz. Bald fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf eine junge Frau, die im Mittelpunkt von Blicken und Gesprächen steht. Die hübsche Elly (Taraneh Alidousti) ist Erzieherin der Töchter von Amir und Sepideh. Offensichtlich wurde sie ohne Wissen der anderen mit auf den Trip genommen – und dies nicht nur als Kindermädchen. Man will sie mit dem anderen Single der Gruppe verbandeln: Ahmad, für ein paar Tage aus Deutschland zu Besuch und von seiner dortigen Frau geschieden.

Offensichtlich hat sich Sepideh (der iranische Kinostar Golshifteh Farahani in einer Paraderolle) beim Arrangement der Reise weitere Freiheiten genommen. Die angeblich gebuchte Villa ist belegt und so wandert die Gesellschaft in ein verwahrlostes Ferienhaus am Strand, das mit vereinten Kräften notdürftig in Betrieb genommen wird. Die Großstädter nehmen den fehlenden Komfort mit Humor, genießen die ländliche Freiheit und amüsieren sich abends mit Scharaden und Tanz zum eigenen Gesang.

Nebenbei begutachten sie die Auftritte des durch die tuschelnd-kichernde Aufmerksamkeit zunehmend verunsicherten Brautobjekts. Und während Sepideh draußen von den Wasserpfeife rauchenden Männern ein Meinungsbild einholt, tauschen die Frauen sich beim Aufräumen aus. Traditionell geht es auch im iranischen Mittelstand zu: Die Szenerie ließe sich – mit Bier statt Shisha – ohne Weiteres in einer nachkriegsdeutschen Sommerfrische vorstellen.

Es ist ein rot-weiß getupfter Papierdrachen, der den heiteren Teil von Asghar Farhadis auf der Berlinale 2009 mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten vierten Spielfilm verabschiedet. Elly läuft mit ihm über den Strand, laut juchzend, ihr Kopf in seltener Großaufnahme, das Kopftuch in gleichen Farben wie das luftige Himmelwesen, ein kurzer ekstatischer Höhepunkt. Dann ist der kleine Arash verschwunden. Und auch Elly unauffindbar.

Ertrunken beim Versuch, das Kind aus der Flut zu retten? Oder heimliche Flucht, aus Scham oder Kränkung? Abreisen wollte sie und wurde daran gehindert, das kommt bei der Recherche schnell heraus wie auch andere unbequeme Entdeckungen, die die Truppe erst aufspalten, dann umso fester zusammenschweißen. Bald stolpern die Feriengäste wie Zombies in ihrem zunehmend verdüsterten Domizil herum: Eine Albtraumszenerie, die sich zu einem kühl entwickelten Mini-Krimi ausweitet.

Auch sonst inszeniert der an Ibsen geschulte Regisseur sein Beinahe-Kammerspiel scheinbar naturalistisch mit agil beobachtender Kamera, wie beiläufig improvisierten Dialogsequenzen und einer Montage, deren hohe Schnittfrequenz es den Zuschauern nicht leicht macht, die Beziehungsgeflechte zu entwirren. Dabei gelingt Farhadi das Kunststück, seinen Film trotz formaler Geschlossenheit nach vielen Seiten hin offenzuhalten, auch für Bedeutungen, die sich erst nach wiederholtem Sehen eröffnen.

„Elly ...“, auf der Berlinale noch unter dem Titel „Darbareye Elly“ gezeigt, ist ein erstaunlich souveräner und freier Film aus einem unfreien Land, der universelle moralische Fragen ebenso verhandelt wie konkrete politische Ängste und Opportunismen. Dabei deutet nicht nur die geballte Präsenz der iranischen Nationalfarben darauf hin, dass er auch als direkter Kommentar zur politischen Situation des Iran gemeint ist. Wenig Anlass zur Hoffnung: Am Ende versuchen alle, den roten BMW aus dem Meer zu schieben. Der bewegt sich kein bisschen.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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