Kino : Lauter gute Seelen

Arbeitslos im Plattenbau: Bernd Böhlichs „Du bist nicht allein“

Jan Schulz-Ojala

Irgendwie sind sie alle ohne Arbeit, oder fast, die Nachbarn Tür an Tür im achten Stock, Plattenbau draußen in Marzahn. Die Molls zum Beispiel: Malermeister Hans (Axel Prahl) sitzt tags lieber vor der Glotze, als mit seinem Sohn ins Freibad zu gehen, und seine Frau (Katharina Thalbach) wandert von einem Ein-Euro-Job zum nächstbesseren, neuerdings nachts zum Wachdienst an der aufblasbaren Tennishalle. Oder Kurt Wellinek (Herbert Knaup), studierter Physiker: Vom Balkon guckt er ratlos runter auf das umzäunte Ehe-Eigenheim, das seine Frau (Karoline Eichhorn), lausig bezahlte Synchronsprecherin, seit der Trennung alleine bewohnt. Und nun zieht auf der Etage auch noch die Russin Jewgenia (Ekaterina Medvedeva) mit Papa und Tochter ein: Vielleicht macht wenigstens sie ihr Glück, als Privatfriseurin mit drei uralten Trockenhauben im Wohnzimmer, abgerechnet wird schwarz.

Sehr kleine, kleingemachte Leute versammelt der Fernsehregisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich in seinem ersten, eindeutig gut gemeinten Kinofilm, Leute der Ost-Generation 40 bis 50 plus – und ihren tapsigen Ausfallschrittchen aus der Falle des Kleingemachtseins guckt er mit unendlicher Geduld zu. Nichts als Alltag, Mietpartei für Mietpartei, passiert in der ersten Kinohalbstunde, und wenn Hans und Kurt sich nicht ein bisschen kabbeln würden, wer denn nun der attraktiven neuen Nachbarin bei Finanzierung und Installation der neuen Waschmaschine behilflich sein darf, dann wäre aus „Du bist nicht allein“, schwupps, ein nahezu ereignisfreies Stillleben für die Ewigkeit geworden.

So was aber will im Kino niemand sehen und spielen, und so nimmt eine gewisse Dramaturgie eintretender Ereignisse in den Ein-, Zwei- und Dreiraumwohnungen ihren Lauf. Um nicht zu viel zu verraten vom insgesamt spannungsarmen Geschehen: Hans gerät in einige Gefühlswirrungen, Kurt findet nicht gerade Arbeit, dafür bescheidenen neuen Lebenssinn, und Frau Moll wird – erst zögernd, dann aber dalli – weise. Es gibt auch Tränen, durchaus; doch trocknen sie zügig, dafür sorgt eine fast dopingverdächtige Dosis gesunden Menschenverstands. Lauter gute Seelen: Im Kino ist das leider, seien wir ehrlich, meist schlecht auszuhalten.

Wenn „Du bist nicht allein“ gegen alle Überdeutlichkeit von Symbolen und Situationen, gegen allen mitunter groben Humorismus und auch alle Sentimentalität seine schimmernden Augenblickchen hat, dann sind sie den hemmungslos berlinernden Katharina Thalbach („Um eins is Mittach!“) und Axel Prahl („Det is Paföng!“) zu verdanken; die beiden kompakten Kraftpakete des deutschen Films geben, so vor der Kamera erstmals zusammengeführt, das prototypische postzillesche Hauptstadtehepaar – und Prahl hat bei der Darbietung des titelgebenden Roy-Black-Schlagers zudem einen zauberhaften Extra-Auftritt. Plötzlich zum Singen genötigt auf einem Fest, singt er sehr schüchtern und sehr schön. Und fast will es scheinen, als sänge da einer sich mal eben davon aus der vertraglich vereinbarten Erdenschwere.

Freiluftkino Friedrichshagen, Hackesche Höfe, International, Kant, Kulturbrauerei, Union, Yorck

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