"Lemon Tree" : Süß-saurer Alltag in der Westbank

Seit 50 Jahren wächst und blüht an der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland der Zitronenhain von Salma Zidane - doch plötzlich soll er weichen, weil er ein Sicherheitsrisiko darstellt. Eran Riklis' Film "Lemon Tree" erzählt die Schwierigkeiten zwischen Israelis und Palästinensern anhand einer alltäglichen Geschichte.

Nicole Scharfschwerdt

Die Palästinenserin Salma Zidane (Hiam Abbass) hat einen neuen Nachbarn - es ist der frisch gebackene israelische Verteidigungsminister Israel Navon (Doron Tavory), der mit seiner Frau Mira (Rona Lipaz-Michael) das Grundstück bezogen hat, das direkt an Salmas Zitronenhain grenzt. Es ist die Grenze zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland, eine Grenze, die oft schon Anlass zu Streitigkeiten gegeben hat - und nicht erst seit dem Bau der Mauer. Salmas Zitronenhain wird im Film "Lemon Tree" zum Symbol von gegenseitigem Misstrauen zwischen Israel und Palästinensern und er wird Symbol für die oft ausweglos erscheinende Situation in der Region. Mit viel Feingefühl hat Regisseur Eran Riklis die Geschichte Salmas verfilmt, die nicht davor zurückschreckt, für das zu kämpfen, was ihr lieb und teuer ist.

Witwe Salma lebt seit dem Tod ihres Mannes allein in dem Haus mit dem Zitronenhain, den ihr Vater vor fünfzig Jahren pflanzte. Nach dem Einzug des neuen Verteidigungsministers Navon ist es vorbei mit der Ruhe: Ein Wachtturm wird aufgestellt, Soldaten streifen durch die Plantage und Videokameras werden installiert. Navons Sicherheitsleuten und dem Geheimdienst sind die Zitronenbäume ein Dorn im Auge: Sie fürchten, ein palästinensischer Attentäter könnte sich - geschützt durch das Dickicht der Blätter - bis dicht an das Haus des Verteidigungsministers anschleichen und einen Anschlag verüben. Der Zitronenhain soll daher abgeholzt werden. Salma wehrt sich und klagt vor dem Militärgericht, unterstützt von dem jungen Anwalt Ziad Daud (Ali Suliman) - vergebens. Soldaten ziehen einen Zaun um ihre Plantage, sie zu betreten, ist ihr von nun an verboten. Salma entschließt sich, vor dem Obersten Gerichtshof Berufung einzulegen.

Fast scheint es grotesk, ein paar Zitronenbäume zum Auslöser eines Streits zwischen Israelis und Palästinensern zu machen, der sich beinahe zur Staatsaffäre ausweitet. Doch es ist eine Geschichte, wie sie das Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern beinahe täglich hervorbringt.

Lässt man sich auf die Handlung ein und ignoriert man den anfänglichen Kompositionsfehler, dass der Verteidigungsminister wahrscheinlich gar nicht erst ein Grundstück an der Grenze zur Westbank beziehen würde, kann man sich im Kinosessel zurücklehnen und von der Geschichte treiben lassen. Es ist eine Geschichte über einen Alltag, der geprägt ist von einem Jahrtausende alten Konflikt, der nicht als Krieg bezeichnet wird. Und es ist ein Film, der in einer Region spielt, in der Grenzen trotz hoher Mauern und stachliger Zäune oft fließend verlaufen - so wie übrigens auch die Filmmusik, die Elemente westlicher und orientalischer Musik verbindet.

Schon mit "Die syrische Braut" ist Riklis ein Porträt der Region gelungen, das den Zuschauer dazu bringt, sich eingehender mit den Schwierigkeiten dort auseinander zu setzen. Erneut hat er sich auf einen konfliktgeladenen Stoff eingelassen, der die Trauer und die Hoffnung der Menschen in der Region deutlich zur Geltung bringt. Die Sympathien des Israeli Riklis in dieser Geschichte sind klar verteilt: Sie gehören der Witwe Salma, die ihren Mann früh verlor und deren Kinder vor allem ihr eigenes Leben im Kopf haben. Das Bild des blühenden Gartens der Navons auf der einen Seite und der langsam verdorrenden Zitronenbäume auf der anderen Seite symbolisiert, wie die Chancen verteilt sind. Trotzdem ist es kein Film, der einseitig Partei für die palästinensische Seite nimmt. Nicht zuletzt deshalb, weil Riklis es vermeidet, Personen in Schubladen zu packen. Am besten zeigt sich dies am Beispiel der Ministergattin Mira, die sich für ihre Überzeugungen sogar gegen ihren Mann stellt.

Riklis selbst besteht darauf, dass "Lemon Tree" kein politischer Film sei. Und er hat Recht. Man braucht keine tieferen Kenntnisse über den Nahost-Konflikt, um sich in Salma hineinzuversetzen. Und man braucht auch keine tieferen Kenntnisse über den Nahost-Konflikt, um sich in Mira hinein zu versetzen, die immer mehr an ihrem Mann zu zweifeln beginnt.

Der Film ist in erster Linie die Geschichte der beiden unterschiedlichen Frauen Salma und Mira, die - eine wie die andere - versuchen, ihrem Leben einen Sinn zu verleihen: Salma, die sich zögernd in den jungen Anwalt Ziad verliebt und vorsichtig gegen die islamische Konvention aufbegehrt, die sie gerne bis auf alle Ewigkeit als trauernde Witwe sähe. Und Mira, von der man glauben könnte, sie habe alles, was Frauen sich wünschen, und dennoch einsam ist. Es ist eine Geschichte, die mitnimmt - ohne dabei moralisierend oder depressiv zu sein. Bei aller Ernsthaftigkeit vergisst Riklis nicht, den Zuschauer zum Schmunzeln zu bringen: So etwa mit Hilfe des Porträts von Salmas verstorbenem Ehemann, der mit gestrenger Mine jeden ihrer Schritte beobachtet und zum Running Gag des Films wird.

Hinreißend spielt Hiam Abbas die Rolle der Salma Zidane, die sich entschlossen hat, für das zu kämpfen, was für sie ihre Heimat und ihr Leben ausmacht: die Zitronenplantage, die der Vater ihr vererbt hat und die das Einzige ist, was sie noch hat. Man nimmt ihr die stummen Tränen ab, die sie nicht unterdrücken kann, als sie erfährt, dass die Bäume gefällt werden - ebenso wie ihre Wut gegenüber dem Minister, der ihr alles nehmen würde, nur um sich nicht mit dem Geheimdienst anlegen zu müssen.

Die Geschichten der beiden Frauen zeigen, dass es keine einfachen Antworten gibt: Für sie nicht und für das Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern nicht. Indem beide gegen festgefahrene Einstellungen aufbegehren - Salma sogar in doppelter Hinsicht, weil sie gegen das israelische Vorgehen genauso rebelliert wie gegen Normen und Konventionen der Palästinenser - beweisen sie, dass sich lohnt, Fragen zu stellen und Herausforderungen anzunehmen. Obwohl beide Frauen am Ende verlieren, wachsen sie doch über sich hinaus - bereit, einen neuen Anfang zu wagen. Die Zitronenbäume mögen das Symbol für das Misstrauen und die Ausweglosigkeit in der Region sein. Am Ende aber zeigen die Frauen, dass es trotzdem Hoffnung gibt. (Ab Donnerstag in den Kinos)

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