Liebeskomödie : Der Alte, den die Frauen lieben

Otto Tausig träumt sich durch Jan Schüttes melancholische Liebeskomödie "Bis später, Max!".

Peter von Becker
Tausig
Die Liebe kommt, die Liebe dreht. Otto Tausig alias Max Krohn mit einer seiner Eroberungen. -Foto: 3 Rosen

Züge sind immer auch eine Metapher. Züge des Lebens und natürlich der Zug der Zeit. Mit einem sich aus der Ferne irrlichternd einem Bahnübergang nähernden, dann vorbeirauschenden Zug öffnet Jan Schüttes neuer Spielfilm den Blick heraus aus der privaten Welt des New Yorker Schriftstellers Max Kohn – hinein in die Weiten Amerikas.

Dort droht Mister Kohn auf seinen Lese- und Vortragsreisen zu eher provinziellen US-Universitäten immer wieder verloren zu gehen. Oder ein Stück von sich selbst zu verlieren. Denn Kohn, ein aus Osteuropa und Wien emigrierter jüdischer Herr, ist eigentlich nur im eigenen Kopf und in den Erinnerungen an vergangene Liebschaften und Ehen zu Haus oder in den sich dareinmischenden Hoffnungen und Einbildungen eines ihn vielleicht nochmals heimsuchenden letzten Glücks. Max Kohn ist ein alter Mann.

Jan Schüttes Film „Bis später, Max!“ trägt den eigentlich sehr allgemeinen Untertitel „Die Liebe kommt, die Liebe geht“. Dies gilt hier für drei immer wieder miteinander versponnene Episoden. Und die dritte, die allerschönste, allertraurigste Sequenz in dieser mild melancholischen Hommage an den hochbetagten, aber wunderbar präsenten Wiener Schauspieler Otto Tausig, sie heißt „Late Love“. Das war vor ein paar Jahren bereits ein 25-minütiger großartiger Kurzfilm, um den Schütte, der mit Otto Tausig schon in „Auf Wiedersehen Amerika“ und zuletzt in der Verfilmung des Romans „Supertex“ von Leon de Winter gearbeitet hat, jetzt noch zwei weitere Geschichten geflochten hat. Es ist eine filmische Anverwandlung von drei Shortstorys des im amerikanischen Exil zum Literaturnobelpreisträger gewordenen Isaac B. Singer, voll von jenem jüdischen Männerhumor, der auch den erotischen Macho durch Selbstironie so liebenswert zivil macht und noch in seinen gröbsten Tor- und Tollheiten nie plump erscheinen lässt.

Über Max Kohns literarischen Rang erfährt man nichts Genaueres, nur über die Wirkung von Werk und Autor – vornehmlich auf Frauen, auf reifere Eheopfer und Witwen; nur einmal, in einer schönen zufälligen Cafeteria-Begegnung, ist eine junge Studentin im offenen Spiel. Tausig geht mit dem immer ein wenig erstaunt wirkenden Gesicht eines Tagträumers durch seine wirklichen (Frauen-)Geschichten wie durch seine Erzählungen: auf dem feinen Grat zwischen Dichtung und Wahrheit, Selbsterfindung und Selbstbetrug – und wirkt dabei leicht verschusselt wie ein weiter gealterter Woody Allen. Es ist diese Mischung aus Jäger und Beute, die ihren Sog bei den Frauen entfaltet.

Schreibt Max im Brotberuf Theaterkritiken, dann bleibt selbst hier in der Schwebe, ob die in seinen Zeitungstexten erwähnte Begleiterin nicht bloß ein Phantom, also selber Theater ist. Bei so viel erotisch-neurotischem Gewirr braucht Mister Kohn mindestens zu Hause in Manhattan ein praktisches Über-Ich: die jahrzehntelange jüdische Freundin Reisel, ihm in treuer Eifersucht ergeben und überlegen zugleich (Rhea Perlman spielt das superrealistisch).

Irisierender, irritierender sind die Affären mit der nicht mehr ganz jungen Doktorandin Rosalie (Barbara Hershey), mit der „späten Liebe“ Ethel (glänzend: Tovah Feldshuh) oder mit einer kubanisch-amerikanischen Maid mit Buckel in einer Gewitternacht im Gespensterhotel in Miami. Überhaupt ähneln die Motels und Hotels in diesem Film immer Herbergen des amerikanischen Albtraums.

Man denkt manchmal, jetzt kommen gleich die Coen-Brothers um die Ecke oder ein spookiger John Malkovich. Aber es bleibt ein kleiner Film, ein sehr europäisch-amerikanisches Roadmovie ohne Wenders-Prätention und dank Tausigs komischer Melancholie und Jan Schüttes delikater, dezenter Erzählweise in Sachen Alterssex zugleich ein unterhaltsam nachdenklicher Gegenentwurf zu Andreas Dresens „Wolke 9“.

Am Ende fährt der Zug der verrinnenden Zeit in die Gegenrichtung. Fährt vorbei, die Bahnschranke hebt sich, und keine Seele kommt. Auch das ein Bild.

Cinemaxx, Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain.


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