Literaturverfilmung : Stille Tage in Rom

Kammerspiel im Freien: In "Caos Calmo" spielt Nanni Moretti einen trauernden Witwer.

Christina Tilmann
Moretti
Das Leben, eine Parkbank. Pietro Paladini (Nanni Moretti) und sein Bruder Carlo (Alessandro Gassman). -Foto: koolfilm

Harter, hässlicher Sex, eine Vergewaltigung fast: Eleonora (Isabella Ferrari) windet sich unter dem Griff von Pietro Paladini (Nanni Moretti), er reißt an ihren Haaren, treibt sie vor sich her, wirft sie aufs Sofa, kneift sie ins Fleisch, demütigend, brutal, vier Minuten lang ungeschnitten und ungeschönt. Als „Caos Calmo“, Antonello Grimaldis Verfilmung von Sandro Veronesis Bestseller, letztes Jahr auf der Berlinale Premiere hatte, sorgte diese Szene zumindest in den italienischen Medien für große Aufregung.

Es ist wie eine Teufelsaustreibung – und der notwendige Kontrapunkt eines Films, der sonst gar zu versöhnlich, zu harmonisch ausgefallen wäre. Dabei begann es hoch dramatisch: Dieser Pietro, mittelalt, mittelerfolgreich, mittelglücklich, hat gemeinsam mit seinem Bruder am Strand zwei Frauen vor dem Ertrinken gerettet – und nach der Großtat daheim seine Frau tot auf dem Boden aufgefunden, nach einem Schlaganfall. Es folgt ein Jahr der Trauer und der Umorientierung – und dieses Jahr endet im Sex mit der vorm Ertrinken geretteten Eleonora.

Eine Paraderolle für Nanni Moretti, der schon mit seinem Film „Das Zimmer meines Sohnes“ 2001 die Trauer nach dem Tod eines Familienangehörigen eindrucksvoll geschildert hatte. Diesmal ist er nicht Regisseur, nur Schauspieler – doch das mit lange nicht mehr gesehener Eindringlichkeit. Denn als trauernder Witwer beschließt jener Pietro Paladini, aus seinem bisherigen Leben auszusteigen und verbringt die Tage auf der Parkbank vor der Schule seiner Tochter. Sie ist das Letzte, was ihm geblieben ist. Sie lässt er nicht mehr aus dem Auge.

Einmal aus allem auszusteigen: aus den Fusionsverhandlungen in der Firma, aus den Repräsentations- und Entscheidungspflichten eines leitenden Angestellten, auch aus dem abgesicherten Dasein mit Abendeinladungen im Freundeskreis und harmonischem Familienleben – das ist kein völlig fremder Traum, nicht nur in der Filmwelt. Als Nanni Moretti zum Berlinalebesuch im Februar letzten Jahres müde und zum Gespräch nur mäßig motiviert in einer Hotelsuite saß, bekannte er, diesen Traum selbst in letzter Zeit immer häufiger zu träumen: keine Filme mehr, kein Kino mehr, kein politischer Kampf mehr, keine Interviews und keine Festivals und einfach nur auf einer Bank sitzen – das wäre schön.

So erweist sich dieser stille, baumbestandene Platz mitten in Rom in „Caos Calmo“ tatsächlich als Oase mit eingeschworener Gemeinschaft: Da ist die schöne Unbekannte mit dem Hund, die jeden Tag vorbeikommt, die Mutter mit ihrem Kind, das das Down-Syndrom hat, da sind die Stammgäste im Parkcafé, die Mütter, die auf ihre Kinder warten. Alle, die Pietro in seinem selbst gewählten Exil besuchen, der smarte Bruder, die chaotisch verliebte Schwägerin, die Kollegen und irgendwann, mit einem großartigen Kurzauftritt, Roman Polanski als Firmenboss, sie alle scheinen ihn insgeheim zu beneiden: aussteigen – ja, das wäre schön.

Und doch: zu schön, um wahr zu sein. Zu sehr löst sich am Ende alles in Wohlgefallen auf, mit der so vernünftigen wie tapferen Tochter, die dem Vater klarmachen muss, dass das Leben weitergeht. Pietro auf der Parkbank hatte, um sich zu beschäftigen, im Kopf Listen erstellt: Fluglinien, mit denen ich schon einmal geflogen bin. Wohnungen, in denen ich schon einmal gewohnt habe. Da erkennt man den alten Nanni Moretti wieder, seinen manischen Redefluss, seine Ungeduld, seine überbordende Fantasie. Spielen wir das Spiel im Kopf ruhig noch etwas weiter: Filme, in denen wir Nanni Moretti einmal wunderbar fanden ...

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, FT am Friedrichshain, Rollberg, Hackesche Höfe (OmU)

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