''Lola'' : Mitten ins Herz

Fatih Akin triumphiert beim Deutschen Filmpreis 2008 - und schließt Frieden mit der Filmakademie.

Jan Schulz-Ojala
filmpreis
Gewinner des Abends: Fatih Akin -Foto: dpa

Die Voraussetzungen waren günstig wie selten für eine rauschende Feier des deutschen Films, zumindest in Sachen Großwetterlage. Endlich war der Frühling ausgebrochen, draußen in weiter Natur, und sein unvermutetes Herzerwärmen fügte sich aufs Innigste mit dem frischen Wohlgefühl der Produktionskontoristen und Branchenstatistiker. Rund 25 Prozent Marktanteil fürs deutsche Kino in einem ohnehin verblüffend bombig verlaufenen ersten Quartal 2008, und wenn man den Millionenerfolg des britisch-deutsch koproduzierten Naturfilms "Unsere Erde" flugs hinzurechnet, sogar 30 Prozent. Wir sind wieder wer! Festreden! Tusch! Schampus!

Oder waren die Prämissen doch eher apriltypisch wechselhaft bis zeitweise düster für die gestrige große Sause im Berliner Palais am Funkturm, zumindest im Blick aufs binnenfilmisch ungemütliche Kleinwetterdetail? Denn das mit Abstand fetteste Stück vom Kino-Zuschauerkuchen hatte sich ausgerechnet Til Schweiger abgeschnitten, der mit seiner selbstproduzierten, selbstinszenierten, selbstgeschriebenen und teils eigenperformten stürmischen Romanze "Keinohrhasen" zwar bei sechs Millionen Zuschauern groß gelandet war; andererseits lieferte er sich mit der Deutschen Filmakadmie, die zum vierten Mal den Deutschen Filmpreis ausrichtete, einen monatelangen Kleinkrieg. Austritt aus der Akademie, Wiedereintritt, jüngst erneute Drohung mit einer großen Konkurrenzgala für den Publikumsfilm nächsten März in Hamburg. Strafe für die Nichtberücksichtigung des Kinohits! Buh! Nieder mit all den Massenerfolgsverächtern!

Und dann kam doch alles ganz anders. Keine rauschende Feier, aber eine insgesamt schmissige; kein Absturz, keine Abrechnung, aber kritische Worte - und ein unvermutetes Happy End. Nicht nur war Til Schweiger, der Schmoller, der die Einreichung seines Films bei der Akademie vor Monaten schlicht verbaselt hatte, in letzter Minute doch erschienen und wurde freundlich gebauchpinselt, vom Kulturstaatsminister bis zur Moderatorin. Und auch die Show stahl ihm dann nicht, wie vielfach erwartet, Doris Dörrie mit ihrem anrührenden Trauer- und Versöhnungsdrama "Kirschblüten", selbst wenn Elmar Wepper für seinen unumstrittenen Darstellerpreis mit Ovationen bedacht wurde wie schon lange kein Schauspieler mehr auf einer Filmpreisgala.

Nein, die Überraschung des Abends war Fatih Akin. Er marschierte nicht nur souverän mit vier Lolas an die Spitze, sondern pirschte sich - immerhin als eines der prominenten Nicht-Akademiemitglieder - mitten ins Herz der großen, arg plötzlich wiedervereinten Filmfamilie. Bei der Entgegennahme des Drehbuchpreises gab er zu Protokoll: "Ihr seid ja toll!", kündigte aber für den Branchen-Alltag weitere Opposition gegen die Akademie an - "darüber quatschen wir ein andermal." Auch beim Auftritt als prämierter Regisseur gab er, zwar fühlbar überrascht, noch mahnend zu bedenken, die "Kunstform Film" sei "schwer zu bemessen", und überhaupt mache er Filme nicht für Preise, sondern für das Leben. Aber dann, als glücklicher Gewinner der Goldenen Lola für den besten Film, mit ausdrücklicher Verbeugung vor dem wieder eingetretenen Til Schweiger: "Ich steig' wieder ein, ich mein's ernst!"

Wohl nur einem Fatih Akin mit seinem überschäumenden Temperament werden solche fundamentalen Stimmungswechsel nachgesehen, die dann auch noch in einem "Ich hab' euch alle lieb"-Kindergeburtstagsvergnügen gipfelten. Schwer vorstellbar, dass sein akademiekritischer Bruder im Geiste, Christian Petzold, so spontan durch Erfolg umzudrehen gewesen wäre; vielleicht auch deshalb hat die inzwischen über 1000-köpfige, nach Oscar-Vorbild gegründete Institution seine "Yella" abblitzen lassen, abgesehen vom Preis für Nina Hoss.

Angesichts eines solchen Ausgangs dürften sich nicht nur die Akademie-Granden Senta Berger und Günter Rohrbach die Augen gerieben haben - schließlich hatten sie noch vorweg die bekannten Querelen mit einigem rhetorischem Charme in hilfreiche Streitbarkeit und Auseinandersetzungen umgebogen, die ein "Zeichen von Stärke" seien. Tatsächlich drohte die an Identitätskrisen in ihrer jungen Geschichte nicht eben arme Institution sich, cinemeteorologisch gesprochen, in ein gefährliches Zweifrontengewitter zu begeben. Hier die Autorenfilmer, die der Beschränkung der Akademie auf den Lola-Schützenverein und die künstlerische Aushöhlung durchs Massenvotum fürchten, dort die immer schärfere Kritik der erfolgreichen Unterhaltungsfilmer, die ihr Werk von den Kollegen nicht ausreichend gewürdigt sehen. Bernd Eichinger, Pate dieses deutschen Unterhaltungskinos und zugleich der Akademie-Idee, zeigte sich gestern im Publikum von seiner eher lächelnden Seite. Unvergessen aber ist sein Groll darüber, dass 2005, im ersten Filmpreis-Vergabejahr der Akademie, sein ehrgeiziges Hitler-Werk "Der Untergang" ganz untergegangen war; ebenso unvergessen, wie ihm letztes Jahr, trotz eisernen Pokerfaces auf der Bühne, angesichts der Enttäuschung über Platz 3 für seinen Bestseller "Das Parfum" fast die Statuette aus der Hand gerutscht wäre.

Angesichts all des gestauten Missvergnügens ist der Akademie nicht nur bei den Nominierungen, sondern auch beim Preissegen ein kleines Wunder an Ausgewogenheit gelungen. Vier Lolas für Akin, drei für Dörrie (wobei es für sie nun schon zum vierten Mal in über 20 Jahren nur zu Filmpreis-Silber reicht), zwei für Dennis Gansels immerhin bereits von knapp zwei Millionen gesehene Nazi-Parabel "Die Welle", eine für Petzold. Und viele, viele Einzel-Lolas für viele andere ordentliche Filme in einem insgesamt zwar titelreichen, sonst aber eher durchschnittlichen deutschen Kinojahr. Der Lola-Segen 2008: Repräsentiert er am Ende nicht exakt jenes "Weltniveau" aus "Oscar-Erzählkino" und "Berliner Kunstkino", über das Dominik Graf in der jüngsten "Zeit" so bewegt wie sarkastisch Klage führte? Jener Trash, den er vermisst und der doch vielleicht stets die tiefste Seelenentäußerung des deutschen Kinos war, steckte zuletzt vielleicht am schönsten in der rotzig-schmutzigen Schwarzweiß-Milieustudie "Schwarze Schafe", die alle neuzeitlichen Filmgemeinplätze locker ad absurdum führt. Bereits im August gestartet, flog die Berliner No-Budget-Produktion keineswegs gleich wieder aus den Kinos, sondern läuft munter weiter in ausgesuchten Lichtspielhäuschen und hat in aller Schrille bereits über 60.000 Besucher begeistert.

Andererseits: Vielleicht ist "Schwarze Schafe" zu bewusst trashig, um Grafs Intellektuellen-Gnade zu finden. Da könnte - wenn Til Schweiger nächstes Jahr die kuriose Einladung der Akademie ausschlagen sollte, mit "Keinohrhasen" bewerbungshalber nachzusitzen - "Anderthalb Ritter: Auf der Suche nach der hinreißenden Herzelinde" gerade recht kommen. Schweigers neuester Streich mit - natürlich - ihm selbst sowie Rick Kavanian in den Hauptrollen, startet im Februar 2009 ins Kino. Für die Einhaltung der nächsten Filmpreis-Einreichungsfrist sollte das locker reichen.

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