Looking for Eric : Wenn der Postmann ... .

.. zweimal dribbelt: Ken Loachs Film "Looking for Eric" über die Religion Fußball ist eine Mischung aus buddy movie, Außenseiterstudie und Romanze.

Julian Hanich
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Zwiegespräch mit Gott. Die Spielerlegende Eric Cantona (r.) ist in Erics (Steve Evets) Wohnzimmer erschienen. Foto: ddpDelphi Filmverleih

Am Anfang dreht Eric (Steve Evets) Runden im Kreisverkehr. Der Mann mit den grauen Bartstoppeln im grauen Gesicht fährt gegen den Verkehrsstrom an. Damit ist sein Leben bereits treffend beschrieben: Bei Eric läuft alles in die falsche Richtung. In seinem Job als Postmann geht es nicht voran. Seine Stiefsöhne schlafen zu lange oder hängen vor dem Computer herum. Der eine hat sich neuerdings sogar mit Kriminellen eingelassen. Zu allem Überfluss zwingt ihn seine Tochter auch noch dazu, Kontakt zu seiner ersten großen Liebe Lily (Stephanie Bishop) herzustellen – jener Frau, die er seit 25 Jahren nicht vergessen kann. Kein Wunder, dass in Erics Wortschatz der Ausdruck „Fuck“ eine herausragende Stellung einnimmt.

An dieser Stelle springen ihm Regisseur Ken Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty mit einer launigen Idee zur Seite. Eric heißt zwar mit Nachnamen Bishop, doch sein Gott entstammt nicht der Bibel, sondern dem Sportteil der Tageszeitung. Eric betet einen weltlichen Halbgott an, der lange Zeit in den Kathedralen der Moderne gefeiert wurde: den französischen Fußballer Eric Cantona, in den Neunzigern der große Held von Manchester United. „What a friend we have in Jesus, he’s a saviour from afar, what a friend we have in Jesus, and his name is Cantona“, skandiert Eric mit seinen Kumpels. Eines Tages kommt ebendieser Cantona aus der Tiefe des Raumes und tritt mitten hinein ins Leben unseres verunsicherten Helden.

Spätestens hier wird klar: Ken Loachs neuer Film „Looking for Eric“ darf auch als Kommentar auf die Rolle des Fußballs als Ersatzreligion gelesen werden. Eric wird zum Alter Ego von Eric. Beichtvater, Therapeut, Motivator. Der neue Heilsbringer spricht nicht in Gleichnissen, sondern in Sprichwörtern und Aphorismen, die der leibhaftige Eric Cantona mit beschwingter Selbstironie vorträgt. Kann mit der Unterstützung dieses Steilvorlagengebers noch irgendwas schieflaufen?

Mit dem 73-jährigen Ken Loach geht es einem wie mit dem 73-jährigen Woody Allen. Man blickt mit wohltemperierter Vorfreude auf jede neue Lieferung, die zuverlässig alljährlich die Kinos erreicht. Auch wenn die ganz große Erwartungsspannung nicht mehr aufkommen mag – zu vertraut sind Stil und Anliegen geworden –, so hat Loachs verlässliche Betriebsamkeit doch die beruhigende Wirkung des Rituals: Man weiß, was zu erwarten ist, und das hat fast immer hohes Niveau.

Ken Loach ist bekannt als Chronist der britischen Arbeiterklasse und für seine packenden Anklagen neoliberaler Verwerfungen – man denke an „The Navigators“ und „It’s a Free World“. Doch daneben kennt man auch den Ken Loach des revisionistischen Historienfilms, der von „Land and Freedom“ bis „The Wind that Shakes the Barley“ die Geschichte aus der Sicht der Unterdrückten zu schreiben versucht. Zudem ist da der Ken Loach der ruppig-liebevollen Außenseiterporträts, der in „Raining Stones“ oder „Sweet Sixteen“ Arbeitslosen oder Alkoholikern Leinwandwürde verleiht. Und natürlich sollte man auch den Ken Loach der zartbitteren Liebesgeschichte nicht vergessen, von „My Name is Joe“ bis „Just a Kiss“.

Was all diese Filme verbindet, ist Loachs unverwüstlicher Glaube an die Kraft des mitmenschlichen Zusammenhalts. Solidarität: Die vier Silben dieses wohligen Wortes verströmen die Wärme der Kameraderie. Wo zusammengehalten wird, verzieht sich die distanzierende Kälte des Individualismus.

Ken Loach ist ein Solidaritätsbeschwörer. Was unseren unterkühlten Gesellschaften abgeht, sehnt er mit heißem Herzen herbei. Deshalb sind seine Filme, trotz ihres Spülsteinrealismus, häufig rührende Utopien.

In „Looking for Eric“, dieser gelungenen Mischung aus buddy movie, Außenseiterstudie und Romanze, bringt schon der Titel das Doppelmotiv der Handlung auf den Punkt. Einerseits verweist er auf Erics Suche nach sich selbst. Stück für Stück muss er den Scherbenhaufen seines Lebens aufklauben und die Bruchstücke mühsam zu einem neuen Gebilde zusammenkleben. Andererseits benennt der Titel auch den Blickwinkel der Familie, Freunde und Kollegen um ihn herum: Sie alle halten Ausschau nach Eric. Ganz solidarisch. Wie es sich für einen Ken-LoachFilm gehört.

Ab Donnerstag im Filmtheater Friedrichshain, Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos, York, OV CineStar Sony Center, OmU Hackesche Höfe und Odeon

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