Kino : Mach dir kein Haus

Kampf im Gazastreifen: Amos Gitais „Trennung“

Christina Tilmann

Passender Ort für ein Gespräch über Nationalität und Nomadentum, so ein Zug, zwischen Italien und Frankreich. Ein Übergangsort, genau richtig für die flüchtige Begegnung zwischen einer Palästinenserin und einem Israeli, die in einem utopischen Versöhnungskuss endet. Ein Kurzauftritt nur, für die palästinensische Schauspielerin Hiam Abbas, die demnächst in Eran Riklis „Lemon Tree“ zu sehen sein wird – auch das ein Film über Grenzen und Grenzüberschreitung.

In Amos Gitais „Trennung“ sind es, wie so oft bei Gitai, die Häuser, die die Hauptrolle spielen. Die Häuser – und die Unbehausten. In einem schönen, alten Haus in der Provence treffen sie sich nach Jahren wieder, Ana (Juliette Binoche) und ihr israelischer Stiefbruder Uli (Liron Levo). Der Vater ist gestorben, Trauer kommt nicht auf, nur seltsame Erleichterung und eine etwas krampfige erotische Spannung. Sehr künstlich das, mit einer Juliette Binoche, die exaltierttheatralisch durch die Räume tanzt, während die Sopranistin Barbara Hendricks am Totenbett Mahlers „Lied von der Erde“ singt und Jeanne Moreau einen Kurzauftritt als Notarin hat. Von einer Ehe ist die Rede, die nicht mehr hält – daher der Filmtitel „Trennung“, besser „Scheidung“ –, von einem Vater, der nicht lieben konnte, von einer Tochter, die verloren ging. Und man fragt sich: warum?

Bis, ja bis der Film gewissermaßen nach Hause kommt. Denn Uli, der israelische Polizist, wird zurückgerufen, zur Räumung des Gazastreifens, und Ana entschließt sich, ihn zu begleiten, auf der Suche nach ihrer vor 20 Jahren zur Adoption freigegebenen Tochter. In fast dokumentarisch anmutenden Szenen geraten beide mitten in den Trubel der Evakuierung der israelischen Siedler. Die überforderten Polizisten, die immer wieder ermahnt werden müssen: „Keine Gewalt“, die militanten Siedler, die ihre Häuser, Gärten, Gebetsräume nicht verlassen wollen, die Palästinenser, die das Geschehen von der anderen Seite des Zauns beobachten – hier bekommt der Film plötzlich eine Wucht, ein Anliegen, das er in der vertändelten französischen Exposition noch nicht kannte. Und auch das Thema Häuser wird noch einmal ganz anders brisant. Schon rollen die Bulldozer, um mit dem Abriss der Siedlungen vollendete Tatsachen zu schaffen, und am Ende ist es ein kleiner Gemüsegarten, der die Trauer von Vertreibung und Heimatverlust fühlbar macht. Christina Tilmann

Nur im Eiszeit (auch OmU)

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