''Madonnen'' : Kindsmutter, Mutterkind

Maria Speths „Madonnen“ zelebriert die Gefühllosigkeit zwischen den Generationen. Jungschauspielerin Sandra Hüller in der Rolle einer überforderten Mutter.

Christina Tilmann
Madonnen
Sandra Hüller spielt Rita, eine junge Mutter, die sich zwischen ihren Kindern verliert -Foto: dpa

Das Ehepaar steht auf dem Balkon, die Kinder schlafen, der Abend dämmert. Er: „Wir reden nie.“ Sie: „Natürlich reden wir.“ Er: „Aber ich weiß nichts von dir. Und du fragst mich nichts.“

Unbeholfen legt Marc den Arm um Rita, Intimität entsteht nicht. Kommunikationslosigkeit drückt sich in dieser Schlüsselszene aus, Bindungsunfähigkeit auch. Diese junge Frau, die ein Kind nach dem anderen bekommt und doch kaum in der Lage scheint, ihr eigenes Leben zu bewältigen, ist eine Extremexistenz. Immer kurz davor auszurasten, begegnet sie jedem Annäherungsversuch mit unglaublicher Härte. Ihr Freund Marc, ein nahe Frankfurt stationierter US-Soldat, bekommt das immer wieder zu spüren. Da haben sie eine Wohnung gemietet, er hat eine Couch gekauft, und sie faucht ihn an: „Was soll das jetzt?“

Wie gibt jemand, der nie Wärme erfahren hat, Wärme weiter? Es sind prekäre Familienkonstellationen, die Maria Speth in ihrem zweiten, schmerzhaft kompromisslosen Film „Madonnen“ beschreibt – und wie sie im Kino relativ selten zu sehen sind. Gefühllosigkeit über Generationen hinweg: Schon die Großmutter (extrem verhärmt: Susanne Lothar) findet kein warmes Wort für Tochter oder Enkel, und die Tochter wirft ihr vor: „Für mich warst du nie eine Mutter.“ Sie wird ihre eigenen Kinder irgendwann genauso im Stich lassen, einfach weggehen, ohne Erklärung.

Sandra Hüller, Protagonistin von HansChristian Schmids Exorzismus-Drama „Requiem“, ist für Rita die Idealbesetzung. Eine fragile Gestalt, fast selbst noch Kind, verletzlich und verletzend zugleich. Trägt ihren jüngsten Sohn, einen Säugling, herum wie eine Puppe – das klassische Bild der Madonna mit Kind ergab den Filmtitel „Madonnen“. Freudlos ist diese Rita, sogar beim Tanzen in der Disco. „Du hast so ein schönes Lächeln“, baggert ein Soldat sie an – fast ein Hohn. Mit Marc, einem gutmütigen Koloss von Mann, verständigt sie sich in fließendem Englisch, doch auch das klingt entfremdet, distanziert.

Und doch gibt es so etwas wie Geborgenheit, einen Sommer lang. Gerade aus dem Gefängnis entlassen, holt Rita ihre Kinder zu sich in die trostlose Frankfurter Neubauwohnung, spielt Vater-Mutter-Kind, müht sich um Nähe. Die Kinder stehen um sie herum, eingeschüchtert, weinen sich nachts in den Schlaf. Fanny, die Älteste, übernimmt die Mutterrolle, auch gegenüber der eigenen Mutter. „Ich bin die Mutter, und du bist das Kind“, fährt Rita sie einmal an. In den verschlossenen Zügen von Fanny (eine Entdeckung: Luisa Sappelt) ist schon zu lesen, dass sie mindestens so verletzt, mindestens so verstockt werden wird wie ihre Mutter. Das Unglück setzt sich fort.

„Madonnen“ ist ein Film, der seine Zuschauer so unbehaglich entlässt, wie auch die Protagonisten sich fühlen. Stilistisch erinnert er an das Werk der belgischen Gebrüder Dardenne – und weil sie ihn mitproduziert haben, spielt eine Episode in Belgien, mit dem Dardenne-Schauspieler Olivier Gourmet als Ritas leiblichem Vater. Vor allem erinnert „Madonnen“ an Dardennes „Das Kind“: Nur dass Maria Speth ihrer Rita selbst den Hoffnungsschimmer verwehrt. Christina Tilmann

fsk und Hackesche Höfe

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