Kino : Mädchenjahre

In Bettina Blümners Doku „Prinzessinnenbad“ werden drei Kreuzbergerinnen erwachsen

Silvia Hallensleben

Ordentlich Bahnen schwimmen ist feine Prinzessinnenart nicht. Jedenfalls nicht für die drei Berliner Grazien, um die sich Bettina Blümners Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“ dreht. Klara, Mina und Tanutscha gehören zu der Sorte Mädchen, die einer braven Gesundheitsschwimmerin das Leben zur Hölle machen können, weil sie in typischer Teenagerblindheit das bahnengeregelte Grundgesetz öffentlich-rechtlichen Schwimmens ignorieren und immer wieder mit ohrenbetäubendem Gekreische von rechts und links vor die Schwimmbrille springen. Oft kommt noch ein Knabe gleich hinterher geflogen, den man als unbeteiligte Beobachterin keines zweites Blickes würdigen würde. Doch das ist altersverzerrte Perspektive: Die Prinzessinnen sind vor allem wegen der Jungs hier im Kreuzberger Prinzenbad; allerdings sind nicht alle ihrer würdig, nur Türken haben das Zeug zum echten Ritter. Deutsche Ritterlichkeit dagegen finden die jungen Damen abgeschmackt und „ranzig“, und entsprechende Anwärter werden von Tanutscha oder Klara beim Chatten mit ein paar knackig-zotigen Prinzessinnensätzen abgekanzelt.

Klara, Mina und Tanutscha sind fünfzehn Jahre jung, hübsch, selbstbewusst und beste Freundinnen von Kindheit an. Ihr Revier liegt rund um das Kottbuser Tor in Kreuzberg. Hier sind sie aufgewachsen, in Familien, in denen die Väter – ein italienischer Gastronom und ein Iraner sind darunter – längst getrennt von der Restfamilie leben und die alleinerziehenden Mütter versuchen, ihre Töchter auf kameradschaftliche Art zur Selbstständigkeit zu erziehen. Doch mit fünfzehn Jahren ist das Leben noch ein wilder Rausch, wo neben den notwendigen Pflichten und der Mädchenfreundschaft ausgiebig zelebrierte Schönheitsrituale, Zigarettenrauchen und Jungs eine zentrale Rolle spielen. So streifen die Prinzessinnen nach der Schule oder nach der Arbeit im Café mit wehenden Haaren durch die Oranienstraße und machen mit ihren Freunden Party im Görlitzer Park.

Die Regisseurin Bettina Blümner, selbst Jahrgang 1975, hat die Mädchen einen Sommer lang begleitet. Die filmische Ausbeute sind Alltagsszenen, unterlegt mit lokaler Musik von Lisi bis Zenit, geschnitten in impressionistischer ClipManier; Momentaufnahmen aus dem Leben dreier Kreuzberger Teenager, die sowohl die spezielle Beschwingtheit dieser postpubertären Zwischenzeit als auch ihre Fragilität vermittelt. Vielleicht deuten ja schon die Beschwörungen ewiger Freundschaft auf das Zerbrechliche hin: Schon jetzt sieht man sich nicht mehr so oft wie früher. Klara muss auf die „Schwänzerschule" und träumt herum, womit sie ohne Ausbildung später viel Geld verdienen kann. Tanutschas Zukunft ist ebenfalls von schlechten Schulleistungen umwölkt, auch wenn sie sich mit ihrem Plan, Altenpflegerin zu werden, gut angepasst ins Mögliche fügt. Und Mina hat vielleicht den Absprung zum Abitur geschafft und ist schon seit zehn Monaten mit einem angehenden Studenten der Meeresbiologie zusammen. Bald wollen die beiden länger zusammen verreisen. Was danach kommt, weiß keine. Jetzt ist erst einmal Sommer in Berlin – und zwischen Hochbahn und Kanal scheinen alle Wege und Möglichkeiten offen. Silvia Hallensleben

Babylon Kreuzberg, Broadway, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos, Yorck

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