Mammuth : Gérard Depardieu als Rentner

Schön wild: "Mammuth" – mit Gérard Depardieu, der es schafft, seiner Rolle Würde zu verleihen und sie mitreißend darzustellen.

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Plötzlich ist er eingesperrt. Umkreist von Senioren, die in ihren Reisebus drängen. Serge (Gérard Depardieu) gerät in Panik, wehrt sich gegen die Wand aus weißen Haaren. „Ich gehöre nicht zu euch“, sagt er immer wieder. Das trifft in doppelter Hinsicht zu: Er gehört weder zu dieser Reisegruppe noch ist er ein typischer Rentner. Statt in einem Bus steigt der 60-Jährige auf sein Motorrad. Es ist eine alte Münch-Mammuth, Baujahr 1973. Ihr verdankt er seinen Spitznamen: Mammuth. Allerdings ist er nicht zum Vergnügen unterwegs, sondern um Nachweise bei seinen früheren Arbeitgebern einzusammeln. Er braucht sie, um an seine Rente zu kommen.

Zu Hause lief es auch nicht eben gut für den frisch pensionierten Schweinezerteiler: Rastlos war er um den Wohnzimmertisch getigert, hatte Autos gezählt und die Meckereien seiner Frau Catherine (Yolande Moreau) ertragen. Auf der Straße kommt der dicke Mann mit der langen blonden Mähne langsam zu sich. Dabei hilft ihm auch seine Nichte (Miss Ming), bei der er eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte. Sie ist eine junge Künstlerin, deren Verschrobenheit auf verschlungenen Wegen sehr gut mit der Weltfremdheit ihres Onkels korrespondiert.

Gérard Depardieu gelingt es, diesen Mann absolut würdevoll und mitreißend darzustellen. Er spricht nicht viel, doch er füllt die Rolle mit jedem Zentimeter seines obelixhaften Körpers glaubhaft aus. Allein schon für die Mopedfahrten im Hippie-Outfit hätte er den Silbernen Bären der Berlinale verdient, wo der Film seine Premiere hatte.

Mit schrulligen Charakteren kennen sich die Regisseure Benoît Delépine und Gustave de Kervern aus. „Mammuth“ ist bereits ihr vierter gemeinsamer Spielfilm. Zuletzt drehten sie die fabelhafte Groteske „Louise Hires a Contract Killer“, an die sie nun nahtlos anschließen. Wie schon die Geschichte um eine gekündigte Näherin (Yolande Moreau), die versucht, die Verantwortlichen für die Schließung ihrer Fabrik ausfindig zu machen, ist auch ihr neues Werk von einem humorvollen und warmherzigen Blick auf die sozialen Nebenwirkungen des globalen Kapitalismus geprägt. Louise und Mammuth sind Außenseiter mit beschränkten geistigen Fähigkeiten, die es irgendwie geschafft haben, im System Arbeitswelt mitzuspielen. Als sie ausgemustert werden, durchlaufen die Enttäuschten einen kathartischen Erkenntnisprozess.

Delépine und Kervern finden dafür Bilder von großer Lakonie und Prägnanz. So klingelt Mammuth einmal an einer Mühle, in der er einige Jahre gearbeitet hat und spricht durch die Gegensprechanlage mit der Mitarbeiterin der Firma, die jetzt dort residiert. „Kontaktieren Sie uns über unsere Website“, sagt die Frau, worauf er schreit: „Wieso Website? Ich stehe doch vor der Tür!“ Mammuth ist eben analog. Dass er sein Glück findet, ist der perfekte Schluss für diesen großen, humanistischen Film. Nadine Lange

In neun Kinos, OmU im Cinema Paris, Hackesche Höfe und Neues Off

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