Manoel de Oliveira : 100 Jahre Eigensinn

Manoel de Oliveira, der große portugiesische Regisseur, eröffnet eine Ausstellung in Berlin.

Jan Schulz-Ojala
Oliveira
Hundertjährig. Manoel de Oliveira. -Foto: ddp

Und dann kommt er, eine halbe Stunde verspätet, aber was ist schon eine halbe Stunde für einen Hundertjährigen, mit kleinen, flinken Schritten an der Raumseite entlang und nimmt Platz auf dem Podium: Manoel de Oliveira, der älteste lebende – und noch immer Jahr für Jahr einen Film hervorbringende – Regisseur der Welt. Ein Phänomen. Oder auch: ein Phantom? Ein seltsam überirdischer Segen geht von der Erscheinung dieses so spannkräftigen Mannes in so gesegnetem Alter aus – und sei es, dass sich alle anderen, auch und vor allem die Älteren, in seiner Anwesenheit auf wundersame Weise verjüngt fühlen.

Dabei hat die kleine Auftaktpressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung mit Filmausschnitten in der Berliner Akademie der Künste längst begonnen: mit Ausführungen von Gomes Do Pinho, dem Präsidenten jener Serralves-Stiftung, dessen Museumschef João Fernandes, der die nun nach Berlin weitergereiste Hommage zu Oliveiras Hundertstem in seiner Heimatstadt Porto ausrichtete, sich nun in eine immer entfesselter anmoderierende Kreativrage redet – allein, wenn Manoel de Oliveira auftaucht, ist aller Eifer des Weitersprechgefechts müßig. Die Kameras klicken und blitzen, während der Hundertjährige, gekleidet in gedecktes Tuch und unstädtisch klobige Hundertmeilenstiefelchen, still Hof hält, den Blick zu seinen einander sachte unter dem Tisch reibenden Händen gewandt.

Und doch, João Fernandes hat schon Recht, wenn er im Vorwort zum schönen Katalog freundlich mahnt, die Ausstellung wolle das Werk des Filmregisseurs würdigen „und nicht sein Alter, wenngleich es für uns ein Grund zu großer Freude ist“. Als wollte der Künstler selbst dieses tapfere Vorhaben unterstützen, geht Oliveira, nach seinem nächsten Film befragt, sofort in medias res – doch „haben Sie bitte Verständnis, wenn ich nur ganz kurz antworte“. Von „Angélica“ also spricht er, einem uralten Lieblingsprojekt aus den Fünfziger Jahren, das er damals nur wegen der Zensur unter Salazar nicht hatte drehen können, weswegen er erst ins Ausland ging, nach Deutschland zum Beispiel, zu Agfa und nach München, um sich eine Arriflex-Kamera zu kaufen – und dass die kurze Antwort mitsamt Übersetzung dann doch fünf Minuten in Anspruch nimmt, na und, was sind schon fünf Minuten in einem unendlich anmutenden Leben?

Zur Ausstellung selbst, die nebenan im abgedunkelten großen Raum ihr automatisch surrendes, flackerndes und raunendes Leben entfaltet, äußert sich der „mestre“, wie ihn die Portugiesen nennen, diplomatisch. Von „seltsamem Reiz“ sei es, seine Werke „simultan zu zeigen“ – und tatsächlich: Nichts muss diesem Meister der Strenge, der in seinen über fünfzig Filmen immer mehr in die Askese starrer, theaterhafter Einstellungen und wie von hohem Literaturpapier abgelesener Dialoge fand, eigentümlicher erscheinen als diese riesige Trailershow, in der das sorgsam Getrennte trotz allen kuratorischen Sortierungsbemühens fröhlich durcheinanderschwimmt.

So gibt es Ausschnitte aus „AnikiBobó“, dem Spielfilm-Erstling des Industriellensohns und einstigen Rennfahrers, mit dem Oliveira vor 67(!) Jahren Skandal machte, weil in seinen noch vom Stummfilm geprägten und den Neorealismus vorwegnehmenden Bildern von einer ernsthaften Liebe unter Kindern die Rede war. Es gibt Bilder von „A Caça“ (Die Jagd, 1963) – mit ihrem eigentlichen Schluss und dem von der Zensur erzwungenen Happyend. Es gibt Szenen aus der „Tetralogie der enttäuschten Liebe“ aus jenen Jahren jenseits der Sechzig, in denen Oliveira erst richtig loslegte. Und dazu, in dieser eilig aus Anlass des Staatsbesuchs des portugiesischen Präsidenten Anibal Cavaco Silva herangeschafften Ausstellung, allerlei Schaukästen mit – oft arg lückenhaft erläuterten – Memorabilien: privaten Fotos, Drehbüchern, Literaturvorlagen und so fort.

Auch das wird offenkundig in unserer durchaus filmbegeisterten Stadt, deren Kinos dennoch selten – und derzeit nirgends – einen Oliveira spielen: Dieser Regisseur ist ein selbst von Cineasten belächelter, verkannter, unerbittlich eigensinniger Außenseiter, in der Heimat wie anderswo. Wie schrieb sein kluger Kollege João César Monteiro 1972, verstorben vor sechs Jahren mit schlanken 65? „Unsere Nation hat (unerklärlicherweise) einen Filmregisseur hervorgebracht, der zu groß ist für ihre Dimensionen. Also bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie gewinnt an Größe, oder sie verkleinert ihn.“ Jan Schulz-Ojala

Akademie der Künste, Hanseatenweg in Tiergarten, Dienstag bis Sonntag 11–20 Uhr, Eintritt frei. Katalog 30 €.

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