Marc Rensing : Parkour: Alles unter Kontrolle

Gesunder Körper in ungesundem Geist: Marc Rensings bemerkenswertes Debüt "Parkour". Der Film setzt eine Reihe eigentlich erfrischender junger deutscher Filme fort, mit Titeln wie "66/67" oder "13 Semester", in denen Männer ihren Platz in der Welt noch finden müssen.

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Es könnte alles gut sein. Richie (Christoph Letkowski) arbeitet als Gerüstbauer, die Firma gehört ihm. Er hat eine schöne Freundin und zwei treue Kumpel. Richie fühlt sich frei: Wenn ihm danach ist, läuft er „Parkour“ durch Ludwigshafens Industriebrachen. „Parkour“ nennt man diesen Extremsport, wenn die Läufer sich kletternd, springend querstadtein über Zäune, Dächer, Mauern hinwegbewegen. Richys Körper ist in Form. Wenn er beim Schwarzfahren erwischt wird, rennt er einfach davon.

Richie will aber auch sonst volle Kontrolle. Er ist so sehr darauf fixiert, diese Kontrolle nicht zu verlieren, dass er Hindernisse sieht, wo keine sind. Sein Motto: „Mich verarscht keiner!“ Das braucht es auch nicht, denn Richie verarscht sich selbst ganz gut. Immer öfter wittert er Zeichen des Verrats: Freundin Hannah (Nora von Waldstätten) hat auffallend viel Vergnügen an der Mathe-Nachhilfe bei Richies Kumpel Nonne (Marlon Kittel). Geschäftspartner lassen ihn im Stich, von Freunden fühlt er sich belogen. Und schon verläuft sich Richie sich in einem Labyrinth aus Misstrauen und Gewalt.

„Parkour“ setzt eine Reihe eigentlich erfrischender junger deutscher Filme fort, mit Titeln wie „66/67“ oder „13 Semester“, in denen Männer ihren Platz in der Welt noch finden müssen. Richie aber ist so sehr darauf fixiert, das Leben im Griff zu haben, dass er nicht merkt, wie es ihm entgleitet. Sein Sport, anfangs noch das ausgelassene Treiben junger Burschen, bekommt zwanghafte Züge: Aus dem gemeinsamen Rausch wird eine Mutprobe zwischen männlichen Konkurrenten. Auch in einem gesunden Körper kann der Geist krank werden.

Einiges an dieser Entwicklung ist in „Parkour“ zu gründlich ausformuliert. Die überdeutlichen Hinweise auf Richies Kontrollwahn, die Gründlichkeit, mit der seine Arbeit, sein Umfeld, Freizeit, Liebe, Freundschaft als Konfliktherde abgesteckt werden, das wirkt ein wenig pedantisch. Die Aufstellung des Dramas selbst geht Regisseur Marc Rensing in seinem Debüt noch nicht ganz leicht von der Hand. Wenn es aber in Gang kommt, die Abwärtsspirale an Fahrt gewinnt und eine neue Richtung einschlägt, dann findet der Film zu sich. Selbst die Wahl der Musik, anfangs noch lasch oder sogar störend, wirkt deutlich inspirierter.

Am Ende überrascht es, wohin dieser Film seinen Protagonisten tatsächlich geführt hat. Dass man ihm dabei folgt, verdankt Rensing vor allem seinem Hauptdarsteller. Junge Schauspieler gehen oft übereifrig zu Werke, wenn sie einen wie Richy spielen – ein ehrgeiziger junger Mann aus dem Arbeitermilieu, noch dazu in der Provinz. Christoph Letkwoskis Spiel aber wirkt erstaunlich unangestrengt. Ihm gelingt das Kunststück, einen Kotzbrocken so darzustellen, dass man mit ihm fühlt.

Babylon Mitte, Cinemaxx Potsdamer Platz, Downstairs-Kino im Filmcafé, Rollberg und Sputnik Südstern

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