Marie Bäumer : "Ich möchte immer wieder berührt werden"

Shoppen kann doch nicht der Sinn der Evolution sein, findet Schauspielerin Marie Bäumer. Warum sie Frankreich liebt und Romy Schneiders Leben nicht im Kino sehen will.

Interview: Maxi Leinkauf
Bäumer
Schauspielerin Marie Bäumer. -Foto: ddp

Frau Bäumer, fliegen Sie gern?

Im Gegenteil, es strengt mich an: Mit so vielen Leuten auf engem Raum zu sitzen und schlecht Luft zu kriegen. Dann dieses lange Anstehen und bis auf die Unterhose durchleuchtet werden. Vor allem mag ich keine Langstreckenflüge. Sobald es möglich ist, nehme ich den Zug. Auf größeren Reisen nähere ich mich viel lieber langsam fremden Menschen, Orten und Kulturen an.

Sie spielen in Ihrem aktuellen Film, „10 Sekunden“, die Frau eines Fluglotsen, der nach einer Kollision zweier Flugzeuge traumatisiert ist. Die Geschichte basiert auf der realen Katastrophe, die 2002 über dem Bodensee geschah.

Ich habe damals ein Interview mit dem Familienvater gelesen, der Frau und Kind bei dem Absturz verloren hat und hinterher den Lotsen tötete. Das hat mich tief berührt. Mich hat diese Schuldfrage beschäftigt und dass sie im Seelischen kaum zu lösen ist. Der Film handelt von Fehlbarkeit. Er erstellt ein Psychogramm dreier Paare, wo jeder auf seine Weise in die Katastrophe involviert ist. Niemand findet Erlösung.

Im Grunde geht es wieder darum, wie schwierig es ist zu lieben. Was reizt Sie an solchen Rollen?

Mich interessiert das Extrem, ob das Drama nun auf leisen Sohlen daherkommt oder hereinstürzt: Die Brüchigkeit, die seelischen Höhen und Tiefen, die Abgründe der Psyche finde ich spannend – weil sie so komplex sind. Im Grunde interessiert mich die Suche nach Wahrheit: Was treibt Menschen zu bestimmten Handlungen? Da wünsche ich mir Eindeutigkeit, keine Kompromisse, um an den Kern einer Figur zu gelangen, ihre geheimen Widersprüche ausloten: Ganz oder gar nicht.

Was war der erste Film, den Sie im Kino sahen?

Pippi Langstrumpf. In dem Blankeneser Programmkino, in das meine Schwester und ich mit sieben Jahren hingezuckelt sind, liefen alle Pippi-Langstrumpf-Verfilmungen. Sie war für mich das allergrößte, dieses Mädchen mit ihren wildroten Haaren, dieser Kraft, diesem Witz und ihrem Pferd ohne Sattel und Zaumzeug! Für mich als Achtjährige war das damals überwältigend. Eines Tages hatte ich einfach beschlossen, dass man mir im Vorführraum ein Bett einrichtet, mit meiner Lieblingsbettwäsche, meinem Lieblingsstofftier und meinem Lieblingsschlafanzug: Ich wollte gucken, einschlafen, aufwachen und wieder gucken, nonstop.

Welche Themen interessieren Sie heute im Kino?

Zivilcourage finde ich spannend. Und „Wolke 9“ von Andreas Dresen: eine erotische Beziehung zwischen alten Menschen. Ein Tabubruch, unheimlich mutig. Das erinnerte mich an die französischen Regisseure der „Nouvelle Vague“, die mit simplen Konstellationen, Frau, Mann, Nachbar, ein Universum dramatischer zwischenmenschlicher Konstellationen zeigten. Es sind nicht unbedingt die spektakulären Plots, die mich reizen, sondern die Art, wie konsequent Geschichten erzählt werden.

Inzwischen haben Sie Ihre Heimatstadt Hamburg verlassen und leben in Frankreich.

Als ich 17 war, habe ich allein eine Radtour durch die Bretagne gemacht und mich in das Land verliebt. Eine weitere Tour durch den Süden und ein Aufenthalt mit einer Freundin aus dem Tessin zum Theaterfestival nach Avignon verstärkten dieses Gefühl noch. Seitdem war ich regelmäßig in Frankreich und träumte davon, dort zu leben.

Wie wurde der Traum wahr?

Auf einer unserer Reisen nach Südfrankreich entdeckten mein Freund und ich dieses einfache, liebenswürdige Dorf nahe Avignon. Ich wusste: Jetzt oder nie. Peu à peu verlagern wir nun unser Leben nach Frankreich.

Was suchen Sie dort?

Ich muss in der Natur sein. Das wird immer essenzieller. Ich gehe mit meinem Sohn im Wald spazieren, wir sammeln Steine, bauen im Garten eine Höhle, reden über Fußball, gucken in den Himmel. Daraus ziehe ich große Kraft. In unserem kleinen französischen Dorf kommt wenig Deutsches an mich heran, ich schaue kaum deutsche Nachrichten. Das kommt dann intensiv, wenn ich in Deutschland arbeite. Nach Dreharbeiten brauche ich diesen klaren Schnitt, weil es mich sonst lähmt. Ich ziehe mich phasenweise komplett zurück, lebe nur aus dem Innenraum. Im Winter besorge ich mir oft einen Stapel Filme und sehe sie mir hintereinander weg an.

Welche Filme schauen Sie?

Ich habe latenten Nachholbedarf, beschäftige mich dann intensiv mit einem Regisseur, wie Bergman, Bunuel, Truffaut, vornehmlich Europäer. Oder ich lese wie eine Verrückte. Zurzeit ein Buch von Amos Oz und eins von Stendhal. Den liest eine meiner Figuren, die ich dieses Jahr spiele, leidenschaftlich.

Haben Sie auch Kontakt zu den Dorfbewohnern?

Ich gehe häufig ins Café im Ort und lese Zeitung. Die Leute spielen dort gerne Stille Post, jeder erfährt die entscheidenden Dinge, zum Beispiel auch etwas über Yvonne Catterfeld.

Die demnächst eine Frau darstellen wird, mit der Sie immer verglichen werden: Romy Schneider.

Ein älterer Monsieur hat mich sogar gefragt, warum ich sie denn nicht spiele. Und ich sagte ihm, dass ich mich nicht als Romy Schneider sehen will. Es käme mir zudem anmaßend vor. Ich möchte im Kino überhaupt niemanden als Romy Schneider sehen.

Der dramatische Stoff ihres Lebens müsste Sie doch eigentlich reizen.

Ihr Leben war zerrissen, und das sollte man ruhen lassen. Man muss sie nicht dafür benutzen, eine tragische Geschichte zu erzählen. Ihre Tochter lebt noch, sie wird jedes Mal wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ich habe vor einer Weile Jacques Rouffio, den Regisseur von Romy Schneiders letztem Film „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“, in Paris getroffen. Wir sprachen über die geplante Biographie-Verfilmung, und er war sehr entschieden, dass es keinen Grund gibt, wieso man irgendeinen Film über Romy Schneider machen sollte.

Die Deutschen schwärmen gern von einem „französischen Lebensgefühl“. Ist der Alltag dort wirklich so anders?

Ich empfinde das schon so. Jede Geste, jede alltägliche Handlung ist sinnlicher. Die Franzosen genießen das Leben, die Frauen, die Küche. Sogar die Menschen in Paris, die ein sehr hohes Tempo leben. Und besonders in der Provence freuen sich die Bewohner darüber, dass sie an diesem Ort leben. In Frankreich würde es nie vorkommen, dass man einen Presse- oder Drehtag ohne eine gescheite Mittagspause hat. In Deutschland gucken einen die Leute an einem Zehn-Stunden-Tag vollkommen entsetzt an, wenn man um zwei Uhr fragt, ob man etwas zu Essen kriegt. Da kann nicht viel Lebensfreude aufkommen!

Wie bei Ihnen ein typischer Tag in Frankreich aus?

Ich arbeite einen halben, dreiviertel Tag, lese Drehbücher und tüftele an eigenen Ideen, wenn mein Sohn in der Schule ist. Wenn er nachmittags heimkommt, nimmt er sich, wie ein echter Franzose, erst mal einen „Goûter“. Das sind Baguette-Snacks, die alle französischen Kinder um vier Uhr bekommen. Wir machen zusammen Hausaufgaben, spielen mit dem Hund und sitzen abends beim Essen: Gemeinsame Mahlzeiten sind mir heilig, am besten dreimal am Tag. Es sind Rituale, die unserem umtriebigen Leben einen Rahmen geben.

Als Ihr Sohn zur Welt kam, stellten Sie das Familienleben einige Jahre an die erste Stelle. War das ein Risiko für die Karriere?

Ich hatte nie ein Kalkül oder habe an meiner Karriere „gebastelt“. Karriere ist für mich so ein Bild von: Angestellter mit Schlips. Ich sehe die Schauspielerei eher als Berufung. Meine Mutter hat uns vorgelebt, dass sie als Ergotherapeutin und Malerin glücklich war. Sie betrieb beides sehr leidenschaftlich und riet uns: Sucht euch im Leben etwas, das euch entspricht und erfüllt.

Sie sind zugleich Mutter und Schauspielerin.

Als mein Sohn in die Schule kam, habe ich meine Dreharbeiten zum Großteil in seine Schulferien verlegt, da ist er bei Verwandten oder bei seinem Vater. Das funktioniert gut. Und wir hatten eine Kinderfrau. Jetzt ist er zehn Jahre alt und immer selbstständiger. Ich empfinde mein Dasein als luxuriös: Ich arbeite leidenschaftlich, bin gerne mit meinem Sohn und meinem Freund zusammen und pendle so zwischen den zwei Welten.

Verfolgen Sie eigentlich die neue Feminismuswelle junger deutscher Autorinnen?

Mich nerven diese immergleichen deutschen Feminismus-Debatten, die seit mehr als 30 Jahren geführt werden...

...entweder das „Heimchen am Herd“ oder die „Rabenmutter“.

Die Geschlechter sind nun mal unterschiedlich. Ein Mann wird nie stillen. Eine Frau nie die Physis eines Mannes haben. Womöglich liegt es an diesem Geschlechterkampf, dass viele Männer verunsichert sind, was eigentlich ihre Rolle sein soll. Es ist schwierig für sie zuzusehen, wie starke Frauen an ihnen vorüberziehen, mit klaren Vorstellungen und großem Organisationstalent. Die meisten Männer scheinen damit überfordert. Ich würde mich als Mann auch fragen: Wer oder was soll ich denn nun eigentlich sein?

Wie gefallen Ihnen französische Männer?

Sie begegnen Frauen meist kultiviert, sie haben einen Stil und Raffinesse. Sie beherrschen das Subtile in der Sprache und in der Kultur. In Deutschland hält dir kaum ein Mann mehr die Tür auf oder hilft dir in den Mantel. Die Deutschen sind etwas unbeholfener, ruppiger. Flirten liegt nicht in unserer Kultur, schon gar nicht im Norden.

Sind die Franzosen weniger kopflastig?

Ich höre dort beispielsweise das Wort „anstrengend“ selten, wenn es um Kinder geht. Die Kinder sitzen im Restaurant oder im Café mit dabei, ohne viel Geschrei und Entertainment. Sie sind höflich, zehnjährige Jungs begrüßen einen mit den klassischen drei Küsschen und sagen „Bonjour“. Ich finde es angenehm, dass in Frankreich die Rollen von Erwachsenen und Kindern klar definiert sind.

Was ist der Unterschied zu Deutschland?

In meiner Generation fällt mir in Deutschland eine große Unsicherheit auf, wie Kinder erzogen werden. Es fehlen Grenzen.

Fällt Ihnen ein Beispiel dafür ein?

Ich beobachte, dass lauter Entscheidungen kleinen Kindern überlassen werden. Das Zweijährige steht beim Bäcker und die Eltern fragen: „Was möchtest du?“ Das müssen diese Winzlinge aussuchen, völlig überfordert. Das nächste Mal schreien sie, weil sie nicht bekommen, was sie wollen, und die Eltern sind schockiert. Dabei könnten sie von Anfang an sagen: Du kriegst einen Croissant, und alle sind zufrieden.

Sie sind also eine autoritäre Mutter.

Das klingt so negativ, aber ich bin strenger als meine Eltern. Die haben den 68-er Schlag mitgekriegt, und sie haben viel zu oft mit uns diskutiert. Mein Sohn sagte mal zu seinem Freund: „Meine Mutter ist ziemlich streng, aber konsequent. Wenn sie etwas sagt, meint sie das auch.“ Sein Vater und ich sind aber eher Alt-68er Kinder mit einem Hang zur Anarchie...

Wie äußert sich das?

Es gab mal so eine lustige Szene, im Auto... Mein Sohn, damals vier Jahre alt, sagte zum Vater: „Nicki, bist du angeschnallt?“ „Nein“, antwortete er, „aber ich schnalle mich jetzt an“. Zu mir sagte er flüsternd: „Oh Gott, mein Sohn wird Polizist.“ Das hat er aber gehört. Nach einer Weile antwortete mein Sohn entschieden: „Nein, ich werde erst Verkehrspolizist und DANN Polizist.“ Nach dem Motto: Aufbaustudium. Wir sind gespannt, was aus ihm wird...hoffentlich kein Polizist!

Sie sind jetzt 39 Jahre. Beschäftigt Sie das Älterwerden?

Den inneren Reifeprozess empfinde ich als einen spannenden Weg. Manchmal fühlt es sich an, als würde man ein zweites Leben beginnen. Es würde mich allerdings irritieren, wenn ich mich fragen würde, ob ich mit 45 Jahren noch mit Schönheitsoperationen anfange. Ich sehe mit Schrecken, welch große Angst die Menschen heutzutage vor dem Altern haben. Ich hatte z.B. als zehnjähriges Kind wahnsinnige Angst vor dem Sterben...

Was war der Anlass?

Todesängste sind nicht untypisch in dem Alter: Neun Jahre, in diesem Alter erwacht das Bewusstsein und Erkennen, dass in einem nicht nur Gutes steckt, auch in den Eltern nicht. In den letzten Jahren kam diese Angst bei mir zurück. Interessanterweise. Ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt und merke, auch bei Freunden um mich herum, dass die geistige Ebene bedeutsamer wird. Ein Resultat dieser Auseinandersetzung war, dass beispielsweise die Angst, etwas zu verpassen, abnimmt.

Was machen Sie, um sich zu entspannen und Abstand zu gewinnen?

Ich habe zwei Frauen, eine Engländerin und eine Französin, die ich zurzeit meine Lebensbegleiterinnen nenne. Vor Kurzem haben sie mich gefragt, ob ich ihre Testperson für eine neue spirituelle Methode sein könnte. Sie machen dort Anwendungen an den verschiedenen „Shakren“ im Kopf, an den Füßen und arbeiten mit Fußreflexzonenmassage. In unserer Generation fehlt die Anbindung an größere spirituelle Zusammenhänge. Die materielle Werteskala dominiert, daraus resultiert die große Sinnkrise: Es kann doch nicht der Evolutionssinn sein, dass man shoppen geht und damit jeden Tag sein Leben neu erfindet.

Besser wäre Liebe?

Ich möchte immer wieder berührt werden, sei es von einem Partner oder anderen Menschen. Diese Sehnsucht danach ist zeitlos. Aber Liebe ist schicksalhaft, unplanbar, wie der Tod. Sie ist mystisch.

Wie schafft man es, leicht mit jemandem zu leben?

Mir ist es wichtig, mit jemandem lachen können, im gleichen Moment Lust auf dieselben Dinge zu haben oder ein gemeinsames Thema zu finden. Ich möchte eine innere Beweglichkeit spüren. Ich möchte nicht aus zu viel Sorge, den anderen zu verletzen, die eigenen Bedürfnisse verleugnen. Beispielsweise, dass ich gern ein eigenes Zimmer hätte. Kompromisse gehören in jede Beziehung – aber ich brauche genügend Spielraum.

Marie Bäumer, 39, gehört seit „Männerpension“ und „Schuh des Manitu“ zu den bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. 2007 spielte sie bei den Salzburger Festspielen die Buhlschaft im „Jedermann“. Marie Bäumer lebt mit ihrer Familie in der Provence. Ihr neuer Film „10 Sekunden“ läuft seit Donnerstag im Kino.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben