Kino : Mein Herz so heiß

Mittendrin statt nur dabei: Robert Dornhelms Kinoversion der Puccini-Oper „La Bohème“

Frederik Hanssen

Der Kampf hat sich gelohnt: Monatelang war Giacomo Puccini seinen Librettisten auf die Nerven gegangen, hatte Luigi Illica und Giuseppe Giacosa mit Änderungswünschen gequält, sich jede Szene mehrfach schreiben lassen, um jeden einzelnen Vers gerungen. Mehrfach musste der Verleger Giulio Ricordi als Schlichter auftreten und die streitenden Parteien wieder zurück an den Verhandlungstisch bringen. Dann aber, Ende 1895, war „La Bohème“ fertig, die Musiktheaterversion von Henri Murgers Pariser Künstlerdrama. Und es war Puccinis beste Oper geworden, atmosphärisch dicht, dramatisch packend, voller Melodien, die sich zart ins Ohr schmeicheln, um dann für lange Zeit dort nachzuklingen. Grandios, wie realistisch die Charaktere gezeichnet sind, unübertroffen, wie die Musik Stimmungen nachzeichnet.

Eine rührende Geschichte, die sich von selber inszeniert, wenn man ihr nur vertraut. Ein Werk, dem nicht einmal die Übertragung auf die Leinwand etwas anhaben kann. Jan Mojto, der Besitzer von Unitel Classica, hat das ganz richtig erkannt. Und er hat sich für sein vier Millionen Euro teures „Bohème“-Projekt einen Filmregisseur geholt, der spezialisiert ist auf Historienschinken. Robert Dornhelms Kinoversion der Oper wirkt wie eine Fortsetzung des amerikanischen Parisspektakels „Moulin Rouge“, allerdings ohne Selbstironie. Die Ausstattung ist so opulent wie Dornhelms ZDF-Version von „Krieg und Frieden“, seine Inszenierung so pittoresk, so pappig und gnadenlos historisch korrekt, wie es heute kein Opernregisseur mehr wagen würde.

Dass der Film in den Wiener Rosenhügel-Studios entstand, sieht man ihm in jeder seiner 106 Minuten an, ob die Kamera nun von oben über die Sperrholz-Kulissen fliegt oder die Protagonisten durch den unablässig rieselnden Kunstschnee ihrem bitteren Ende entgegenschreiten. Der Budenzauber, den Dornhelm entfacht, ist abgeschmackt, die Personenregie ultrakonventionell, die Kameraführung von vorgestern. Der Soundtrack entstand Monate vor Drehbeginn bei einer konzertanten Aufführung in München und wurde per Lautsprecher zugespielt, in den Massenszenen hört man zwar einen Chor singen, sieht aber nur stumme Statisten herumwuseln.

Und doch funktioniert das Ganze, stellt sich beim Zuschauer spätestens im dritten Akt dieses Würgen im Hals ein, das zu jedem gelungenen „Bohème“-Abend gehört. Das liegt an Anna Netrebko und Rolando Villazón. Denn sie beweisen hier, dass sie nicht nur in den Köpfen der Marketingstrategen das aktuelle Traumpaar der Oper sind. Die russische Sopranistin und der mexikanische Tenor sind genuine Live-Künstler, die man sehen will und nicht nur hören. Beiden gelingt es, im Filmstudio die darstellerische Intensität einer realen Aufführungssituation herzustellen – und gleichzeitig ihre Gesten, die sonst bis in den dritten Rang wirken sollen, klein genug zu machen. Annas gen Himmel erhobenes Madonnengesicht, Rolandos Glutaugen bleiben glaubwürdig, weil die Sänger alle Distanz fahren lassen und sich ganz altmodisch mit ihren Personen identifizieren.

Auch eine echte Entdeckung hat diese Kino-„Bohème“ zu bieten: Nicole Cabell als Musetta. Aus dem Opernsessel betrachtet, ist sie eine sehr ordentliche Sopranistin. Wenn ihr aber die Kamera richtig nahe kommt, ihre lasziven Lippen zeigt, die schräg stehenden Mandelaugen, dann ist da eine derart aufreizende Sinnlichkeit zu spüren, eine Aura ungehemmter Wollüstigkeit, die auf faszinierende Weise an Emile Zolas „Nana“ erinnert. Neben diesem Luder wirkt Anna Netrebko so keusch wie noch nie.

In Berlin in den Kinos in der Kulturbrauerei und den Neuen Kant Kinos

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