Meisterregisseur : Zeit zu leben, Zeit zu sterben

Eine Berliner Begegnung mit dem taiwanischen Filmkünstler Hou Hsiao-hsien – und die Retro dazu.

Silvia Hallensleben
Hou Hsiao-hsien
Der Regisseur Hou Hsian-hsien gilt als herausragender Vertreter des taiwanesischen Autorenfilms. -Foto: dpa

Wie ein erfolgsumschwärmter Großkünstler sieht er wirklich nicht aus, noch weniger wie eine filmhistorische Legende. In Hollywood würde man den drahtigen Mann in Basecap, gestreiftem Polohemd und abgewetzten Jeans für den chinesischen Gärtner von nebenan halten. Dabei gilt der Filmregisseur Hou Hsiao-hsien in seiner Heimat Taiwan als kultureller Exportschlager und wird als nationales Kulturgut verehrt.

Der Einwanderersohn aus dem südchinesischen Guangdong war nicht nur der erste, der Mitte der achtziger Jahre mit autobiografisch-historischen Stoffen ein originär taiwanisches Autorenkino begründete. Er hat der diplomatisch gedemütigten Inselrepublik auch immer wieder zumindest cineastische Anerkennung auf Filmfestivals verschafft. Natürlich war er nicht der einzige in dieser Rolle – doch von den Mitstreitern des Taiwan New Cinema hat es nur der jüngst verstorbene Edward Yang zu vergleichbarer internationaler Reputation gebracht, der sich aber sehr bald in seiner Themenwahl wie auch persönlich von der Heimat wegbewegte. Und Ang Lee und Tsai Ming-liang zehn Jahre später sind schon eine andere Generation.

Vierzehn Spielfilme hat Hou Hsiaohsien bisher gemacht, am Montag hat er beim Festival in Locarno den Ehrenleoparden erhalten. Nun sitzt der Sechzigjährige an einem Tischchen im Babylon-Kino am Rosa-Luxemburg-Platz und erwartet geduldig die Fragen der Journalistin – im Parkett als Publikum eine sehr ernst blickende Entourage, die sich später als Presseabteilung der Taipeh Vertretung in Deutschland vorstellt.

Herr Hou ist ein geradliniger und verbindlicher Mann mit sparsamer, doch deutlicher Gestik. Dennoch ist es nicht einfach, mit ihm über seine Filme zu sprechen, auch wenn der Dolmetscher sich redlich müht. Ein grundsätzliches Übersetzungsproblem: Herr Hou spricht Taiwanisch, und er tut dies in langen Fünf-Minuten-Blöcken, während derer der Dolmetscher Lin Po chinesische Schriftzeichen und deutsche Wörter auf seinen Schreibblock kritzelt. Egal, wie groß oder klein die Frage ist: Wenn Lin Po sie erst einmal übersetzt hat (und dabei ist auch die kleinste Frage schon ziemlich groß geworden) und Herr Hou kurz nachgedacht, braucht die Antwort immer ungefähr fünf Minuten, wobei Augen und Hände lebhaft mitsprechen, was aber wenig hilft, weil unklar bleibt, worauf es sich bezieht. Was Lin Po dann übersetzt, klingt fraglos überzeugend, ist aber durch die Vermittlung so abstrakt, dass es sich als pointierte Stellungnahme kaum zitieren lässt.

Dass Herr Hou Filme über Menschen mache, etwa. Oder, dass die Filmsprache universell sei. Dass es hinter den speziellen Geschichten ja doch immer um das Allgemeine gehe und im Allgemeinen um das Konkrete. Mehr allerdings – und das hat er wahrscheinlich nur aus Höflichkeit nicht gesagt – und viel Substantielleres lässt sich über Hou Hsiao-hsien und seinen Kosmos erfahren, wenn man einfach seine Filme anguckt.

Die autobiografischen Filme aus den Mittachtzigern etwa wie „The Boys from Fengkuei“ oder „A Time to Live, a Time to Die“, die – nach ersten Schritten als Regisseur kommerzieller Komödien – Anfang der achtziger Jahre Hous Ruf als Autor einer Neuen Welle begründeten: ebenso intime wie ausladene Filmgemälde mit beglückenden Totalen, ausgeklügelten Plansequenzen und raffinierten elliptischen Sprüngen. Oder „Stadt der Trauer“, sein neben „Puppetmaster“ (1990) vielleicht bekanntester Film, der im Jahr 1989 die gewaltsame Niederschlagung eines Volksaufstandes in Taipeh gegen die von der Kuomintang unter Chiang Kai-shek eingesetzte Verwaltung am 28. Februar 1947 als episch distanzierte Familiengeschichte erzählt, wofür er von einheimischen Kritikern heftig attackiert wurde.

Und dann die jüngsten Filme wie „Millennium Mambo“ (2001) oder „Three Times“, der 2005 in Cannes im Wettbewerb lief und mit den gleichen Schauspielern (darunter die von Hou entdeckte wunderbare Shu Qui) in drei Episoden aus den Jahren 1911, 1966 und 2001 die sich verändernden Beziehungen zwischen Geschichte und individuellem Begehren durchspielt. Es sind elegant inszenierte Filme, die gekonnt mit Raum, Zeit und Erzähllinien jonglieren – wobei Hou der Versuchung entgeht, die in 35 Berufsjahren gewonnene Souveränität im virtuosen Schaulaufen dreifacher Zeitsprünge und narrativer Verschiebungen auszustellen.

All das gab es bei diesem Regisseur schon immer – als künstlerisches Mittel, das scheinbar banale Alltagsleben auf seine Rätsel zu befragen. Und da Hou sich von der Beschäftigung mit Geschichte und Erinnerung thematisch immer deutlicher in die Gegenwart bewegt, haben auch seine neuen Filme bei aller Meisterschaft nichts nostalgisch Altmeisterliches.

Es war die Ehrung in Locarno, die Hou Hsiao-hsien auf die Reise nach Europa gebracht hat. In Berlin eröffnet er eine Retrospektive seiner Filme, die die taiwanische Vertretung ab heute im Kino Babylon veranstaltet. Eigentlich wollte er ein paar Tage in der Stadt bleiben. Doch wegen der Trauerfeier für Edward Yang – der New-Cinema-Mitstreiter, mit dem Hou 1985 an der „Taipeh-Story“ zusammengearbeit hatte, starb vor zwei Wochen 59-jährig in Beverly Hills an Krebs – reist Hou schon am Sonnabend in die Heimat zurück. Auch in die Filmlandschaft Taiwans reißt der Tod dieser Tage schmerzliche Lücken.

Babylon-Mitte, Retro mit 13 Filmen, bis 26. August. Eröffnung heute, 19.30 Uhr, mit „Three Times“, anschließend Publikumsgespräch mit Hou Hsiao-hsien. 22 Uhr, kleiner Saal im Obergeschoss: Podiumsgespräch der Filmzeitschrift „Revolver“ (wegen der früheren Abreise des Regisseurs um einen Tag vorgezogen).


MEISTERFILMER

Hou Hsiao-hsien (60), geboren im chinesischen Guangdong, gilt als herausragender Vertreter des taiwanischen Autorenfilms. Nach Anfängen als Regisseur kommerzieller Komödien begründete er – unter anderem mit dem jüngst verstorbenen Edward Yang – mit historischen Filmstoffen sowie autobiografischen und anderen modernen Alltagsthemen das Taiwan New Cinema. Seit 15 Jahren ist er Stammgast im Wettbewerb von Cannes. Wichtige Filme: „A Time to Live, A Time to Die“, „Puppetmaster“, Millenium Mambo, Three Times – und, in diesem Jahr, „Flight of the Red Balloon“.

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