Kino : Mensch gegen Natur

Ethno, eso, öko und politisch: „Khadak“

Christina Tilmann

Am Ende sind nur noch ein Stuhl, ein Schrank, ein Bettgestell übrig in der Schnee- und Berglandschaft, wo der Nomadenjunge Bagi (ein Naturtalent: der Maschinenbaustudent Batzul Khayankhyarvaa) gerade noch verlorene Schafe suchte. Den Großvater mussten sie auf den LKW tragen, er hat sich geweigert, die Jurte zu verlassen. Bagi, dem das zweite Gesicht verliehen ist, sieht im Traum das Haus brennen. Starkes Bild.

Es geht um Umsiedlung. Von einer mysteriösen Tierseuche hatten die Männer in weißen Anzügen gesprochen, die da plötzlich mit einer Lastwagen-Kolonne in der Steppe auftauchen, und davon, dass man heute noch wegmüsse: es herrsche Lebensgefahr. So sitzen sie nun auf der Ladefläche, die verschüchterten Nomaden, auf dem Weg in die Stadt. Das Pferd hatte Bagi noch freilassen können, ein blaues Tuch um den Hals. Blaue Tücher sind heilige Tücher, die den Himmel symbolisieren, sagt die Legende. Das Pferd wird trotzdem getötet, mit einem Schnitt durch den Hals. Auch heilige Symbole gelten nicht mehr.

Es gibt viel Symbolik in diesem Film „Khadak“, der von Schamanen erzählt, und von einem, der tote Tiere hört und am Ende als Geist durch den Raum geht, bis es blaue Tücher vom Himmel regnet. Manchmal wird es fast zu viel, das raunende Wissen von der Verbundenheit zwischen Mensch und Natur vor großartiger Kulisse. Doch „Khadak“ erzählt noch eine andere Geschichte, und durch sie erhält er Gewicht. Es ist die Geschichte staatlicher Umsiedlungspolitik, mit der die Regierung gegen die Nomaden und ihre Lebensweise vorgeht. Sie pfercht sie in gigantische Plattenbausiedlungen mitten in der Ödnis, wo sie im Kohlebergbau schuften müssen. Wer rebelliert, wie die Kohlediebin Zolzaya und ihre Freunde, wird in Erziehungslager gebracht. Die Tierseuche, Vorwand der Umsiedlung, ist eine Lüge – die Berge toter Tiere in den Schlachthäusern sind eine Anklage.

Dass die Ärztin, die Bagi wegen seiner Anfälle behandeln soll, Epilepsie diagnostiziert, wo er die Verbindung mit den Seelen der Toten spürt, zeigt, wie weit die Weltbilder hier auseinanderklaffen. Doch wer sagt, dass die Schulmedizin, die ruhig stellt, wo die Seele wandern will, für jeden freien Geist das Richtige ist? Christina Tilmann

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