Michael Jackson : Lüge des Lebens

Die letzte Vorstellung: "This Is It" bringt Michael Jacksons Probenaufnahmen weltweit ins Kino.

Martin Machowecz
307232_3_xio-fcmsimage-20091028201607-006000-4ae8987704aeb.heprodimagesfotos861200910294ae83309x.jpg
Es blitzt, es brennt. Die Anschutz Entertainment Group ließ vorsorglich schon die Proben zu Michael Jacksons Großkonzerten in der...Foto: Sony

Als Kai Pflaume um 23.43 Uhr das Kino am Potsdamer Platz betritt, unterm Arm eine Videobotschaft auf VHS-Kassette für „Nur die Liebe zählt“, als er das Foto zeigt von jenem, dem dieses Band noch vorzuspielen sei und den er deshalb hier suche – da stellt sich ganz kurz die Frage, ob Kai Pflaumes Video vielleicht der bessere Film ist, der in dieser Nacht im Cinestar am Potsdamer Platz gezeigt wird. Oder, zumindest, der authentischere.

„Nur die Liebe zählt“: Der Satz, nicht die Sendung hätte Michael Jackson wohl gefallen. Dem Mann, der seit Donnerstag, 25. Juni 2009, der größte tote Popstar aller Zeiten ist. Durch den „I love you“ zur gehauchten Floskel wurde. Der nun, vier Monate nach einer Überdosis Propofol, spektakulärer vermarktet wird als damals, da sein Körper noch einigermaßen lebte.

Gestern startete, um zwei Uhr nachts in Berlin und auf allen Kontinenten gleichzeitig, „Michael Jackson’s This Is It“. Der Film zur – mit Jackson – gestorbenen Großkampftournee des Superstars in der Londoner O2-Arena. Der Film zum Tod.

„This Is It“ sollte eine Reihe von 50 Konzerten werden. Von einer Größe, wie man sie nie erlebt hat, eine Bühnenorgie, eine größenwahnsinnige Popshow, größer als die Welt.

Die Proben dafür ließ die Anschutz Entertainment Group, veranstaltender Unterhaltungsriese, vorsorglich filmen, das Material erwies sich posthum als Gold und Ablebensversicherung, die Rechte daran verkaufte Anschutz an Sony. Nun ist der Film die letzte Inszenierung eines Mannes als Michael Jackson geworden. Sie nennen es „Dokumentation“, aber es ist Fiction. Jackson soll vital und kreativ aussehen. Seht ihr, er hätte es beinahe geschafft. Aber man sitzt mit einem Bier im Kino und schaut ihm beim Sterben zu.

This is it
307145_1_this.jpgAlle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Sony Pictures
28.10.2009 15:03"This is it": So sollte Michael Jacksons letzte fulminante Show heißen. Und so heißt jetzt, nach dem überraschenden Tod des "King...


Die große Inszenierung beginnt am Mittwoch, kurz nach Berliner Mitternacht, in Los Angeles wie Berlin laufen die B-Prominenten auf und ein. Die Gedenkfloskeln sind die gleichen hier wie da, er war der Größte, meine erste Platte war „Thriller“, er war so kreativ, und wie furchtbar, dass er tot ist. Absolutely the Best. His Passion. His Genius. Soll ich in die Kamera lächeln? Laura Oswald hier, Paris Hilton da. Berlin und L. A. verschmelzen zum gierigen Eventbrei.

Im Cinestar werden die Premierenbesucher vor Filmbeginn mit zwei Stunden Red Carpet live aus L. A. gegängelt, und wer einmal  Pro Siebens Direktübertragung vom Oscar-Teppich gesehen hat, muss sich dies hier noch fünf Spülgänge unterirdischer vorstellen.

„This Is It“ ist auch der Versuch einer Reinwaschung. Von Jackson selbst. Aber auch derer, die ihn nicht gerettet haben in der Zeit seit jener Londoner Pressekonferenz, in der Jackson die Konzertreihe ankündigte als letzte seines Lebens, ein gruseliger Auftritt wie im Drogenrausch, der King vollkommen von Sinnen. Spätestens seit jenem Tag glaubte kaum jemand mehr, dass dieser Mensch es wieder vor Publikum bringen würde. Und die Zweifler behielten recht.

Aber Kenny Ortega aus Palo Alto in Kalifornien wollte nicht die Schuld daran tragen. Ortega, Choreograf, Produzent und Regisseur, hatte mit Jackson schon die „Dangerous World Tour“ vorbereitet. Er war nun, für „This Is It“, Jacksons Regisseur, auch dessen Antreiber. Auf dem Roten Teppich in L. A. tritt Ortega auf und erzählt von Jacksons Spirit, den der Wind gerade über Los Angeles blase, und als er sagt, dieser Film sei für die Fans, wirkt er wie ein windiger arkansischer Bauunternehmer, der gerade einen kaputten Kran zum Wucherpreis an die Mittelgruppe eines Kindergartens vertickt hat.

Denn Ortega hat ein Rechtfertigungsproblem. Wie kann man einen Mann sehenden Auges verenden lassen? 

Der Film beginnt, ein Gespenst tritt auf. Es hat den Moonwalk nicht verlernt. Aber man möchte Jackson sofort an einen Tropf hängen, so dürr, wie er aussieht – was keine seiner glitzernden Jacken verdecken kann. Trotzdem spürt man es immer noch: wie er den richtigen Moment trifft. Er will, er brennt. Er ist dabei, in jeder Sekunde. „Ich will, dass es klingt wie auf den CDs“, sagt Jackson, „wie die Leute es gewöhnt sind.“ Mit drei Worten macht er aus gut – genial. „Lass es ruhen“, sagt er dem Keyboarder. „Du brauchst einen Moment, wo es ruht!“ Er lässt es dann ruhen, und es klingt, und das ist Michael Jacksons Kunst.

Ortega  hat die Sequenzen aus hundert Stunden Material ausgesucht. Es sind, natürlich, die vorteilhafteren. Dies ist eine Hommage. Dramaturgisch klug verwoben – zu einer großen Lüge, die auffliegt, wenn man genau hinsieht. Die Bilder sollen sagen: Seht doch, Michael war der Alte, es wäre ein großes Konzert geworden, wenn der irre Arzt ihn nicht totgespritzt hätte. Auf dem Höhepunkt seiner Kreativität. Die Bilder sagen aber auch das Gegenteil. Manchmal blitzt auf, wie reizbar Jackson schon war: Ortega muss Kritik wie für ein Kind verpacken. Wird er gelobt, sagt Jackson: „God bless you“.

Die Konzerte, das beweist der Film, wären Wahnsinnsshows geworden. Weil es feuert und brennt. Videos, Puppen, Tänzer, und diese Schritte. Einstudiert, ohne Zufälle. Es hätte ein neues Video für „Smooth Criminal“ gegeben. Schaurige Knochenmänner wären bei „Thriller“ aufgetreten. Jackson wäre wieder Kran gefahren. Aber der Plan ging nicht auf.

Jackson konnte immer noch wunderbare Soli singen. Aber sie raubten ihm den Atem.

Der Film hat keine Szene, in der Jackson heult oder am Boden liegt oder wenigstens flucht. Keine, in der er den Ton nicht trifft, verzweifelt ist, zittert. Ist das nie passiert? Da ist weniger Wahrheit als in einer Videobotschaft von Kai Pflaume.

„ThisIs It“ soll, wird trotzdem und deshalb Milliardengewinne einfahren. Gerade mal zwei Wochen soll er im Kino laufen, das ist künstliche Verknappung und feuert die Nachfrage an. Das fühlt sich an wie eine Konzerttournee, mit dem Exklusivgefühl: Das gibt es nur einmal. Manche Kinos spielen nichts anderes als diesen Film, im Halbstundentakt. Viele sind schon ausverkauft. Schon am ersten Wochenende werden wohl 300 Millionen Dollar in die Kassen fließen. Der Verlierer heißt Michael Jackson.

- In 21 Berliner Kinos 

0 Kommentare

Neuester Kommentar