„Micmacs“ : Wucht des Wichtelwitzes

Chaos-Clochards bekämpfen Rüstungsmanager: Mit der Komödie „Micmacs“ scheint Jean-Pierre Jeunet endgültig in einem robusten Optimismus für Kinder jedweden Alters angekommen zu sein. Eine Filmkritik.

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Höllische Pläne. Basil (Dany Boon, rechts) führt eine Revolte an.
Höllische Pläne. Basil (Dany Boon, rechts) führt eine Revolte an.Foto: Kinowelt

Das Universum des französischen Bilderbastlers Jean-Pierre Jeunet hellt sich alle fünf Jahre – in diesem gemächlichen Rhythmus stellt er seine stets allseitig breitwandigen Filme vor – ein bisschen weiter auf. Sarkastisch-düster begann er mit den kannibalesken „Delicatessen“ vor fast 20 Jahren und kostete die Lust am Grusel in „Die Stadt der verlorenen Kinder“ aus; dann badete er, ganz vernarrt in „Amélie“ und „Mathilde“ alias Audrey Tautou, immer hemmungsloser in Romantik. In „Micmacs“ nun treibt er die radikal verspielte Überwältigungslust auf die Spitze – und scheint endgültig in einem so robusten wie kantenlosen Optimismus für Kinder jedweden Alters angekommen zu sein.

Dany Boon, Star der französischen Erfolgskomödie „Willkommen bei den Sch’tis“, spielt den unbedarften Basil, einen Videothekar, der in zwiefacher Weise mit dem bösen Treiben der Waffenindustrie zu kämpfen hat. Einst starb ihm der Vater weg, durch die Explosion einer Landmine in Afrika. Ein paar Jahrzehnte später wird Basil selber von einer Pistolenkugel getroffen, als er mit einiger Neugier vor seinem Laden den Ausgang eines Schusswechsels verfolgt. Er überlebt, mit der Kugel im Kopf – und alsbald drängt es ihn, den Goliaths im nationalen Rüstungsgeschäft mit der Wucht David’schen Wichtelwitzes das Handwerk zu legen.

So weit, so politisch korrekt. Und auch – zumindest im Ansatz – so amüsant. Tatsächlich gibt es im unablässigen Bemühen des Unternehmens um die drolligstmögliche Situation ein paar Szenen, angesichts derer sich auch auf den Lippen strengster Zeitgenossen ein Lächeln abzeichnen sollte. Über weite Strecken jedoch regiert ein erdrückend originalitätssüchtiges Imponierkino, das mit bloß mechanistischer Energie seine Instrumente herzeigt, statt Gefühle zu erzeugen.

Das Prinzip Ausrufezeichen beginnt schon bei der Namensgebung der Figuren. Der Großfamilie ausgesucht abgedrehter Clochards, der sich Basil anschließt und die in einer Art Metallschrotthöhlen-WG haust, gehören so wundersame Käuze an wie der Bastler „Trödel“ (Dominique Pinon), die schwarzbebrillte Prokuristin „Taschenrechner“ (Marie-Julie Baup) und die dralle Köchin „Eintopf“ (Yolande Moreau). Logisch, dass da eine gnädig spät zur Basil-Liebschaft beförderte Schlangenfrau „Mademoiselle Kautschuk“ (Julie Ferrier) heißt und der auf eine uralte Schreibmaschine einhackende WG-Intellektuelle „Remington“ (Omar Sy). Aber warum muss der gute Mann ständig Sprüche klopfen, die, haha, längst auf keine Kuhhaut mehr gehen?

Fortan nimmt das Unabwendbare seinen Lauf. Mit ermüdungsfreiem Zeigefinger feuert Jeunet aus seiner Ideenzündplätzchenpistole Situationen hervor, die keinen anderen Sinn haben, als den beschwerlichen Sieg der putzigen Truppe über zwei einander spinnefeinde Manager der Rüstungsindustrie zu illustrieren. Nahezu pausenlos angetrieben von einem Soundtrack aus Akkordeon, Geige und spätherbstlich gestimmtem Klavier, rackert sich das Ensemble zum Endsieg der Spaßguerilla über die Bösen, wobei Basil – heiliges Kanonenrohr! – schließlich gar im Stil des guten alten Barons Münchhausen zum Lufteinsatz kommt.

Jean-Pierre Jeunet, der Daniel Düsentrieb des französischen Kinos, lässt diesmal nichts aus, und gerade das wird ihm zum Verhängnis. Denn wo alles kurios sein will, ist nichts mehr kurios. Dieses manische Übertreibungsbedürfnis schadete schon „Amelie“. Allerdings versöhnte die liebenswerte Radikalität der Geschichte und vor allem der Zauber der Hauptdarstellerin damals mit allem.

„Micmacs“ dagegen ist nur noch Getröte und Gedöns – und der Zuschauer ertappt sich ermattet bei dem Wunsch, Jean-Pierre Jeunet möge seine beträchtliche Fantasie mal woanders spazieren führen als auf jenem leierkastenlärmenden Jahrmarkt von anno dunnemals, dem das Kino entstammt.

Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, International, Kino in der Kulturbrauerei, Yorck, OmU: Hackesche Höfe

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