''Mr. Shi'' : Beidseits der Stille

Heimat ist, wo man Wörter für Gefühle hat: Wayne Wangs "Mr. Shi und der Gesang der Zikaden" ist eine zärtliche Familienaufstellung, ein Film über Einsamkeit.

Christina Tilmann
Shi
Mr. Shi besucht seine Tochter im fernen Amerika. -Foto: Pandora Film

Sprache. Kommunikation. Und Schweigen. Manchmal braucht man eine fremde Sprache, um sagen zu können, was man will. Manchmal die eigene. Und manchmal gar keine Sprache. Die 30-jährige Yilan (Faye Yu), eine karrierebewusste Chinesin, die in den USA ihren Weg gemacht hat, sagt: „Wenn man in einer Sprache aufgewachsen ist, in der man nie gelernt hat, seine Gefühle auszudrücken, dann ist dies in einer fremden Sprache einfacher. Dadurch kann man zu einer anderen Person werden.“ Doch Yilan ist auch in den USA einsam, lebt allein und schreckt bei jedem Telefonklingeln hoch, voller Hoffnung und doch resigniert. Meist ist es ein Anruf vom Callcenter.

Mr. Shi, ihr verwitweter Vater, der aus Peking anreist, um der Tochter nach der Scheidung beizustehen, kann kaum Englisch. Schon auf der Fahrt vom Flughafen freut er sich über die Werbung und versteht sie völlig falsch. Angekommen in der 200 000-Einwohner-Schlafstadt an der amerikanischen Ostküste, scheitert er bei den meisten seiner Kommunikationsversuche, im Supermarkt, mit dem Hauswart oder mit zwei Mormonen auf Werbezug. Am schwierigsten jedoch verläuft die Verständigung mit der Tochter, die sich alle Einmischungsversuche in ihr Leben verbittet und sich entzieht, wo sie nur kann. Nur mit einer Exiliranerin, die kaum besser Englisch spricht als Mr. Shi selber, klappt die Verständigung, auf eine wunderbar dadaistische Weise. Wie klug, den Film nicht zu synchronisieren.

Ist dieser Mr. Shi, vom chinesischen Theaterschauspieler Henry O wunderbar lakonisch verkörpert, ein Selbstporträt des Regisseurs? Wayne Wang, als Sohn von Festlandchinesen in Hongkong geboren, mit 16 in die USA gekommen, später nach Hongkong zurückgekehrt und dann wieder in die USA emigriert, ist ein Wechsler zwischen den Welten – und redet sehr gern. Auf dem Filmfest von Hof, wo er 2007 mit einer Retrospektive geehrt wurde, stand er bei jeder Party in der Ecke, entspannt, fröhlich, aufgeschlossen. Er plaudert in einem kauzig holpernden Englisch, immer wieder von sympathisch kichernden Lachsalven unterbrochen, und erzählt bereitwillig, wie wichtig ihm die Sprachfrage war. Dass er lange gesucht hat, bis er mit Faye Yu eine Chinesin fand, die gut genug Englisch sprach, um glaubwürdig zu sein. Und dass Henry O, den er für die Hauptrolle entdeckte, eigentlich zu gut Englisch sprach für das rudimentäre Sprachvermögen seiner Figur. Er selbst, sagt Wang, könne zwar Chinesisch, aber beherrsche nur den Wortschatz eines Teenagers. Seine Schauspieler hätten sich totgelacht über seine Sprachversuche. Schließlich seien sie bei Englisch geblieben.

Es hat etwas Atemloses, dieses kichernde Erzählen – erst recht, wenn es darum geht, wie Wayne Wang beim Filmen erst wieder lernen musste, richtig zu atmen. In Hollywood sei es üblich, in der letzten, straffenden Schnittphase, dem „Pacing Pass“, alle Pausen, alle Redundanzen hinauszuschneiden, alles, was für den Fortgang der Handlung unnötig erscheine, erzählt er. Auch er habe diesen Zugriff bei seinen Hollywood-Filmen wie „Manhattan Love Story“ und „Win-Dixie – Mein zotteliger Freund“ erfahren müssen. „In Hollywood werden die Filme von Anwälten und Versicherungsanstalten kontrolliert. Visionen oder Improvisationen sind nicht vorgesehen. Ich habe mich geradezu subversiv gefühlt.“

„Mr. Shi und der Gesang der Zikaden“, der Film, mit dem Wang nach belanglosen Blockbustern wieder zu sich und seinen Anfängen wie „Chan is missing“ gefunden hat, ist das genaue Gegenteil eines Hollywood-Films: ein Atemholen, ein meditatives Zur-Ruhe-Kommen, bei dem ein Satz ins Schweigen fällt wie ein Stein ins Wasser, und man sieht lange den allmählich sich verlaufenden Wellen zu. Erstaunlich, dass der kleine Film, in fünf Wochen digital gedreht, zu solcher Ruhe und Kraft finden kann. Und zu Bildern, die so genau komponiert aussehen, als seien sie nach vielen Proben gedreht.

Am Abend schon das Material im Schneideraum bearbeiten zu können, war für einen Spontanfilmer wie Wang ein unschätzbarer Vorteil. Doch die Digitaltechnik erfordert auch Zugeständnisse: Schnell sieht der Film bei zu viel Tiefenschärfe künstlich aus, erläutert Kameramann Patrick Lindenmaier. Man habe deshalb mit niedrigen Kameraeinstellungen, auf Augenhöhe der Protagonisten gefilmt. Und gleichzeitig Wert auf eine strenge Symmetrie der Bilder gelegt, so dass eine Zimmerwand zwischen Küche und Wohnzimmer bei der entscheidenden Aussprache zwischen Vater und Tochter fast als Split Screen fungiert. Wayne Wang nennt das Resultat eine „asiatische Ästhetik“ und erinnert an die Filme von Yasujiro Ozu, die er bewundert, wegen der Genauigkeit, mit der Ozu Familienthemen behandelt.

Eine zärtliche Familienaufstellung ist auch „Mr. Shi“ geworden. Ein Film über Einsamkeit und fehlende Worte, ein Film über China auch, über das Leben in der Fremde und die Vergangenheit, über die man nicht spricht. Wayne Wang erinnert sich an seinen eigenen Vater: „Wir haben nicht viel miteinander gesprochen. Er hat mich auch nie umarmt – nur einmal, zum Abschied in Hongkong“. Eine solche Umarmung zeigt auch sein Film.

In den Kinos Broadway, Passage, fsk am Oranienplatz und Hackesche Höfe.

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