Musical : Futtern wie bei Muttern

Als die Welt noch schwarz-weiß war: John Travolta tanzt im Remake des Kultfilms „Hairspray“. Bei diesem Zickenkrieg im Showbusiness fliegen die Fetzen.

Daniela Sannwald
Travolta
Mutter Turnblad (John Travolta, l.) und Tochter Tracy (Nikki Blonsky) steppen sich ganz nach oben. -Foto: Warner Bros.

Das Fernsehen, so heißt es einmal in diesem wunderbaren Anti-Diskriminierungs-Musical, ist schwarz-weiß, warum ist es die Welt nicht auch? Das war, versteht sich, vor der Einführung der Farbe in den holzverkleideten Monstren, vor denen sich damals die Familien zum Heimkino versammelten: in den später ziemlich bunten sechziger Jahren. Aber 1962 beherrschte noch die strikte Trennung von Schwarz und Weiß das amerikanische öffentliche Leben. Dagegen entstand langsam die Bürgerrechtsbewegung: Afro-Amerikaner, die damals noch Farbige hießen und hinten reingehen, sitzen, warten oder gleich draußen bleiben mussten, formierten sich landesweit zu Demonstrationszügen, und bald schlossen sich ihnen immer mehr Weiße an.

Vor diesem Hintergrund spielt das Kult-Musical „Hairspray“, vom Trashfilmer John Waters erstmals 1988 auf die Leinwand gebracht mit seinem Lieblingsdarsteller, dem adipösen Transvestiten Divine. Der war damals die besorgte, gluckenhafte Mutter des Teenagers Tracy, eines munteren Mädchens, das sich trotz seiner – auch in den Sechzigern schon unpopulären – Pummeligkeit in den Kopf gesetzt hat, in der Conny-Collins-Show aufzutreten. Die nach realem Vorbild gestaltete Show ist ein Nachmittagsprogramm, in dem Jugendliche zu den neuesten Hits tanzen und singen.

In der neuen „Hairspray“-Version hat John Travolta die Rolle der Mutter übernommen, eine ironische Besetzung, die an seine Anfänge als knapp 20-jähriger Discokönig in „Saturday Night Fever“ (1978) erinnert, in dem er selbstverliebt über die Tanzfläche fegte und vor allem lasziv mit den Hüften kreiste. In „Hairspray“ beweist Travolta, in eine Ganzkörpermaske voluminösen Ausmaßes gestopft, einmal mehr, dass er ein souveräner Darsteller ist, selbst in Frauenkleidern. Wenn er, von Gewichten und Hochfrisur beschwert, mit dem eleganten, langgliedrigen Christopher Walken, der seinen, nein, ihren, Ehemann Wilbur gibt, ganz leichtfüßig ein Tänzchen im Stil von Ginger Rogers und Fred Astaire hinlegt, dann denkt man an den ultimativen Disco-Film und freut sich, dass er’s immer noch kann.

Denn eigentlich geht es in diesem Teenagerfilm um die Mütter. Tracy (Debütrolle für die 18-jährige Nikki Blonsky), fröhlich, mutig, schlau und begabt, schafft es in die Show, zur Überraschung ihrer Widersacherin Amber Van Tussle (Brittany Snow), einer zuckersüßen Blondine, die von ihrer ehrgeizigen Mutter Velma angetrieben wird. Die wiederum ist die Chefin des Fernsehsenders und zieht hinter den Kulissen die Strippen, und das heißt: Abweichungen von der Casting-Norm sind nicht erlaubt; wenn es nach ihr ginge, wären alle Teenager so wie ihre Tochter Amber, nicht ganz so hübsch natürlich, aber ebenso blond, dünn und ein bisschen schlicht.

Velma Van Tussle selbst ist eine Eiskönigin, gekleidet in schillernde Etuikleider, mit glitzernden Spangen im weißblonden Haar. Auch hier ist Regisseur Adam Shankman („The Wedding Planner“, 2001) ein Besetzungscoup gelungen: Er hat Michelle Pfeiffer, die in den letzten Jahren kaum mehr auf der Leinwand zu sehen war, verpflichtet, und sie hat offensichtlich die Rolle ihres Lebens gefunden. Ihre Berechnung und Eleganz schlagen in Hysterie und Vulgarität um, als sie die Kontrolle verliert, und die Herzenswärme und Grundgüte der wuchtigen Travolta-Mummy sind den karrieristischen Ambitionen und zielorientierten Verführungskünsten der PfeifferTuss(l)e allemal überlegen.

Die stärkste Mutter in diesem durchweg vergnüglichen, sehr sinnlichen und großartig choreografierten Film aber ist Motormouth Maybelle, gespielt von der Rapperin Queen Latifah. Sie ist, wenngleich ebenfalls blond, der schwarze Gegenentwurf zu Velma Van Tussle und will für ihre Kinder mehr erreichen als einen Auftritt in der „farbigen“ Version der Nachmittagsshow. Aber getanzt und gesungen wird natürlich auch im Ghetto, und als Tracy dort zum ersten Mal auftaucht, weil Maybelles Sohn sie mitnimmt, ist sie von der engagierten Frau beeindruckt. So sehr, dass sie sich dem von Maybelle organisierten Protestmarsch gegen die Rassentrennung anschließt.

Die Szene des immer länger werdenden Demonstrationszuges, der vielstimmig in den von Queen Latifah gesungenen Blues einfällt, ist ein ernster, anrührender Höhepunkt des Films, der den sozialhistorischen Hintergrund der Story noch einmal betont. Aber man hat ohnehin längst begriffen, was Tracy und ihre Freunde umtreibt: Auf der Welt ist genug Platz für Große, Kleine, Dicke, Dünne, Schwarze, Weiße, Gelbe, Rote, und erst wenn es bunt ist, wird es richtig lustig. Und bis zur Einführung des Farbfernsehens sollte es auch nicht mehr allzu lange dauern.

In 13 Berliner Kinos, OV im Babylon Kreuzberg und im Cinestar Sony-Center

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