MUSICALVERFILMUNG„Les Misérables“ : Aufstand der Geknechteten

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Foto: Universal
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Weil er vor 19 Jahren ein Stück Brot stahl, wurde Jean Valjean durch eine barbarische Justiz in Ketten gelegt. Und selbst als er freikommt, schwört sein sadistischer Bewacher Javert, dass er ihn sein Leben lang verfolgen werde. Es ist eine finstere Parabel über Freiheit und Gefangenschaft, Macht und deren Missbrauch, Recht und Unrecht, die Victor Hugo in seinem 1862 erstveröffentlichten Roman „Die Elenden“ erzählt.

Hugos Sorge galt der Verelendung der Arbeiterklasse, und das ernste Sujet wurde bereits 1980 als Musical adaptiert. Dies ist nun Basis für Tom Hoopers bild- und stimmgewaltige Verfilmung. Von Hooper durfte man nach „The King’s Speech“ Großes erwarten, und tatsächlich wird man nicht enttäuscht: Zweieinhalb Stunden lang hält einen der im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts spielende Film im Griff, so wie den von Russell Crowe mit unerbittlicher Miene und erstaunlich wohltönendem Bass gespielten Fiesling Javert seine Obsession.

Hugh Jackman gibt den Ex-Gefangenen Valjean, der unter falscher Identität lebt und, durch einen Geistlichen bekehrt, Gutes tut, zum Beispiel das Kind der aus Not zur Prostituierten gewordenen Arbeiterin Fantine retten. Die wird von Anne Hathaway in erbarmungswürdiger Magerkeit gespielt, und wenn sie im dünnen Kleidchen durch den Kunstschnee stapft und Männerhände gierig nach ihr grabschen, ahnt man schon, dass sie demnächst die Schwindsucht dahinraffen wird: „Wissen sie nicht, dass sie mit einer schlafen, die längst tot ist?“, singt sie noch, bevor sie tatsächlich ihr Leben aushaucht. Schlimm. Und unglaublich dekorativ.

Dass der Tod, wenn er seine Opfer bei Jugend und Schönheit ereilt, einen gewissen Charme entfaltet, wussten die Künste schon immer. So wird in „Les Misérables“ schön und jung gestorben: Der Tod ist, wenn sich die Studenten endlich auf die Seite der Arbeiter schlagen und Barrikaden bauen, nicht weit. Und er verschont auch die Jüngsten nicht – das Straßenkind Gavroche muss dran glauben. Aber vorher passiert noch einiges!

Man muss Musicals mögen – mit allen Stereotypen und Übertreibungen, mit Soli und schmalzigen Duetten, mit Chören und gewaltigen Bildaufbauten bis hin zur opulenten Apotheose – und dem Überwältigungskino zugeneigt sein, um sich für „Les Misérables“ erwärmen zu können. Doch dann wird es ganz schön heiß. Opulent. Daniela Sannwald

GB 2012, 158 Min., R: Tom Hooper, D: Hugh Jackman, Russell Crowe, Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Helena Bonham Carter, Sacha Baron Cohen

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