Kino : Mut & Übermut

Dem Dokumentar-Meister Marcel Ophüls zum 80.

Christiane Peitz

Wut ist kein schlechter Motor. Wenn Marcel Ophüls wütend wird über die Heuchler, über Geschichtslügner und -leugner und andere Scheinheilige, läuft der Filmemacher zur Hochform auf. Bei „Le chagrin et la pitié“, seiner Revision des Mythos Résistance (1969) ist das genauso wie bei „Hotel Terminus“ (1988), der mit dem Dokumentarfilm-Oscar ausgezeichneten Suche nach der Wahrheit über GestapoChef Klaus Barbie, oder bei „Waffenruhe“ über Kriegsreporter in Sarajewo.

Seine Respektlosigkeit (er nannte sie einmal die „Peter-Falk-Columbo-Methode) hat dem 1927 geborenen Sohn des Melodramatikers Max Ophüls, der mit der Familie 1933 nach Frankreich emigrierte, nicht nur Sympathien beschert. Der Résistance-Film machte in Frankreich Skandal, und wer je das Vergnügen hatte, den Regisseur persönlich zu erleben, kennt ihn als blitzgescheiten Unruhestifter, als leidenschaftlichen Moralisten voller Mut, Übermut und Witz. Marcel Ophüls, der sich wie sein Kollege (und Kontrahent) Claude Lanzmann mit der Kamera wiederholt den Nazischergen und -mitläufern näherte, hat als Meister der unbequemen Nachfrage das Genre revolutioniert. Er ist der Komödiant unter den Dokumentaristen. Ursprünglich wollte er Musicals drehen – und singt manchmal im Film, spielt Interview-Begegnungen nach oder blendet Spielfilmszenen ein. Wobei seine fröhliche Wissenschaft, die zur Gewinnung von Erkenntnis lieber auf die scharfe Pointe als auf die Anklage setzt, anders als Michael Moores Politainment ohne propagandistische Note auskommt.

„Widerreden und andere Liebeserklärungen“ heißt sein Essayband von 1997. Ophüls’ Wut über das Unrecht nährt sich aus der Liebe zu allen, denen Unrecht geschieht. Glückwunsch zum 80. – und keine Widerrede! Christiane Peitz

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